Die Protagonistin der Klaviertasten

Die Protagonistin der Klaviertasten

Clara Schumann gehörte zu den herausragendsten Pianistinnen und Musikerinnen des 19. Jahrhunderts. Weniger bekannt ist jedoch, dass ein wichtiger Teil ihres Lebens eng mit der Stadt Frankfurt am Main verbunden war. Ein Blick hinter die Kulissen.

In einem wunderschönen Kleid steht sie da, als wäre sie selbst Teil einer Komposition. Ihre Ausstrahlung erfüllt den Raum mit stiller Eleganz. Ihr Blick sucht das Klavier, und in ihren Händen liegt bereits die Erwartung des ersten Anschlags – jener flüchtige Moment, in dem Stille zu Musik wird. Die Rede ist von Clara Schumann, einer Pianistin par excellence, deren Virtuosität und Ausdruckskraft ihr Publikum bis heute in den Bann zieht. Diese außergewöhnliche Musikerin verbrachte die letzten 18 Jahre ihres Lebens in Frankfurt am Main, wo sie das Musikleben der Stadt nachhaltig beeinflusste. Sie legte damit ein Fundament für das Konzertrepertoire des späten 19. und des 20. Jahrhunderts. Ihre vielseitige Persönlichkeit führte zu einem außergewöhnlichen Künstler-Leben. Doch was ist wirklich über ihr Leben bekannt? Für viele Künstler*innen steht die Hingabe zur eigenen Kunst im Mittelpunkt ihres Lebens. So formulierte es auch Clara Schumann mit den Worten: „Die Ausübung der Kunst ist ja ein großer Theil meines Ichs, es ist mir die Luft, in der ich atme!„, wie sie in BRKlassik zitiert wird.

Eine vielseitige Persönlichkeit

Clara Schumann, geborene Wieck (13. September 1819 in Leipzig – 20. Mai 1896 in Frankfurt am Main), erhielt laut dem Sophie Drinker Institut bereits vor ihrem fünften Lebensjahr ihren ersten Klavierunterricht von ihrer Mutter Marianne Wieck (1797–1872), geborene Tromlitz, einer begabten Sopranistin und Pianistin . Nach der Trennung ihrer Eltern im Jahr 1824 begann ihr Vater, Friedrich Wieck (1785–1873), ein ehrgeiziger Klavierlehrer, mit einer systematischen musikalischen Ausbildung seiner Tochter. So hat sie laut dem Domradio bereits mit neun Jahren als Pianistin im Leipziger Gewandhaus ihr Debüt gespielt. Ihre erste Komposition erschien, als sie elf Jahre alt war und mit zwölf Jahren hat sie selbst Klavier unterrichtet.

Wie die Stadtverwaltung Leipzig weiß, lernte Clara Schumann im Jahr 1828 den Komponisten Robert Schumann kennen. Ab 1830 lebte der damals 20-jährige Schumann ein Jahr lang bei der Familie Wieck, während er von Claras Vater unterrichtet wurde. Als Clara 16 Jahre alt war, entwickelte sich zwischen den beiden eine engere Beziehung. Friedrich Wieck sah Claras Karriere durch eine Heirat mit Schumann gefährdet und leistete demnach jahrelang Widerstand. Dennoch kam es im Jahr 1840 zur Hochzeit von Clara und Robert Schumann, was ihrer Karriere keineswegs abträglich war. Denn bereits im Alter von 18 Jahren wurde ihr in Wien der repräsentative Ehrentitel der kaiserlich-königlichen Kammervirtuosin verliehen. Über sechs Jahrzehnte hinweg galt Clara Schumann als bewundernswerte Pianistin, Ehefrau, Komponistin, Klavierpädagogin und später auch als Klavierprofessorin.

Ein neuer Stern am Musikhimmel

Laut der Berliner Philharmoniker hat die Klaviervirtuosin eine Epoche erlebt, die sowohl künstlerisch als auch politisch von Umbrüchen geprägt war. Bei ihrer Geburt im Jahr 1819 lebten noch Persönlichkeiten wie Napoleon, Schubert oder Beethoven. Als sie 1896 starb, hatten Komponisten wie Debussy, Mahler und Richard Strauss bereits den Weg in die musikalische Moderne eröffnet. 

Ihre Verbindung zu Frankfurt begann bereits in jungen Jahren. Friedrich Wieck und seine zwölfjährige Tochter kamen im Jahr 1831 nach Frankfurt, als es noch keine Konzertagenturen gab. Reisende Virtuosen legten damals häufig Zwischenstopps in der Stadt ein. Als sich Vater und Tochter in der Mainmetropole anmeldeten, war dies nichts Ungewöhnliches. Der Frankfurter Musiker Aloys Schmitt, der in der Stadt eine Klavierschule leitete, machte Friedrich Wieck deutlich, dass Schumann Werke von Mozart oder Beethoven spielen müsse – andernfalls würde sie beim Frankfurter Publikum keinen Erfolg haben. Die Frankfurter legten großen Wert auf Klangqualität und hatten eine besondere Vorliebe für klassische Musik. So galt Frankfurt damals als ausgeprägte Mozart-Stadt, was vor allem der intensiven Pflege seiner Opern im damaligen Theater (am heutigen Rathenauplatz) zu verdanken war. Nach längeren Verhandlungen kam es schließlich zu einem Auftritt der jungen Künstlerin im Frankfurter „Museum“ sowie zu einem weiteren Konzert auf eigene Kosten. Zwischen 1854 und 1878 folgten mindestens 23 weitere Konzerte, wie die Musik- und Literaturwissenschaftlerin Ulrike Kienzle in ihrer verfassten Biografie (S. 22/PDF) „Clara Schumann – Eine moderne Frau im Frankfurt des 19. Jahrhunderts“ schreibt.

„Ich hatte ja nie an Frankfurt gedacht …“, wird sie in einem Artikel der Johann Wolfgang Goethe-Universität zitiert – doch es kam ganz anders. Nachdem ihr Leben über viele Jahre von Konzertreisen geprägt gewesen war, zog sie 1878 endgültig nach Frankfurt am Main. Dort wurde sie als erste Klavierprofessorin am neu gegründeten Dr. Hoch’s Konservatorium tätig. Nach ihren eigenen Aussagen beruhte die Entscheidung, sich in Frankfurt niederzulassen, auch auf der zentralen Lage der Stadt innerhalb Deutschlands, die für ihre Konzerttätigkeit von Vorteil war, heißt es in der Kienzle-Biografie (S.30 (PDF)) weiter. Dass das Rektorat die berühmte Künstlerin unbedingt für das Frankfurter Konservatorium gewinnen wollte, zeigt sich auch an den besonderen Privilegien, die ihr eingeräumt wurden – Privilegien, die heute kaum noch vorstellbar wären. Sie verpflichtete sich lediglich zu täglich anderthalb Stunden Unterricht sowie zu vier Monaten Urlaub im Jahr. Außerdem musste ihr Unterricht nicht zwingend in den Räumlichkeiten des Konservatoriums stattfinden. Stattdessen stand ihr die Freiheit zu, viele Unterrichtsstunden in ihrem eigenen Haus zu geben, wie der Deutschlandfunk in einem Beitrag hervorhebt. Notiz am Rande: Bis heute trägt der größere der beiden Konzertsäle des Konservatoriums ihren Namen.

Eine Besonderheit ihres Unterrichts bestand darin, dass sie ausschließlich fortgeschrittene Schüler*innen aus ganz Europa und darüber hinaus unterrichtete. Knapp 90 Prozent ihrer Schüler*innen waren weiblich. Als Pädagogin wurde sie gleichermaßen geschätzt, verehrt und auch gefürchtet, denn sie galt als besonders streng. So wurde Schumann als „das höchste Ass unter den Lehrenden“ betitelt. Das Zitat stammt aus musikwissenschaftlichen Aufarbeitungen (unter anderem veröffentlicht über das Sophie Drinker Institut), die ihre herausragende Rolle im Kollegium beschreiben. Demnach bewahrten zahlreiche ihrer Schüler*innen ihr ein ehrendes Andenken (vgl. Babbe, 2015, S. 43; 46-48; 64-65). Der KienzleBiografie (S.33-35) zufolge bildete die prominete Lehrerin eine ganze Generation von Pianistinnen und Pianisten aus und faszinierte weiterhin als Interpretin das Publikum. Zur selben Zeit setzte sie sich für die Verbreitung der Werke ihres Mannes Robert Schumann ein. Somit baute sie eine international renommierte Klavierklasse auf. Die Folge: Durch ihre Tätigkeit gewann Dr. Hoch’s Konservatorium erheblich an Prestige, und Frankfurt entwickelte sich zu einem bedeutenden internationalen Zentrum der Klavierpädagogik.

Auch ein anderes Ereignis verbindet das Schicksal der Familie Schumann mit der Stadt Frankfurt: Robert Schumann kam zu Ostern 1830 in die Stadt, um den berühmten Geiger Niccolò Paganini zu hören. Laut des Portals Rheinische Geschichte gab das Konzert Schumann einen entscheidenden Impuls, sich zunehmend vom Jurastudium abzuwenden und eine musikalische Laufbahn anzustreben. Deshalb spielt Frankfurt für beide Ehepartner und ihr gemeinsames musikalisches Vermächtnis eine besondere Rolle.

Stärke und Tapferkeit in schwierigen Zeiten

Einem Beitrag im FeuilletonFrankfurt nach brachte Clara Schumann stolze acht Kinder zur Welt: Marie (1841 – 1929), Elise (1843 – 1928), Julie (1845 – 1872), Emil (1846 – 1847), Ludwig (1848 – 1899), Ferdinand (1849 – 1891), Eugenie (1851 – 1938) und Felix (1854 – 1879). Im Herbst 1854 reiste Clara Schumann allein nach Frankfurt. Ihr Ehemann Robert Schumann war nach einem schweren psychischen Zusammenbruch in eine Nervenheilanstalt eingewiesen worden, wo sich sein Gesundheitszustand zunehmend verschlechterte. Clara Schumann war nun auf sich allein gestellt und trug die Verantwortung für ihre sieben Kinder. Ihr Sohn Emil war gemäß dem namensgleichen Portal bereits im Alter von eineinhalb Jahren verstorben. Fortan musste sie wichtige Entscheidungen eigenständig treffen und zugleich den Lebensunterhalt ihrer Familie sichern. Ihre Hingabe und ihr Durchhaltevermögen als Künstlerin und Mutter wurden in dieser Zeit stark auf die Probe gestellt. Insbesondere nachdem ihr Ehemann im Jahr 1856 verstarb. Zu diesen schweren Schicksalsschlägen gehörte auch der frühe Tod ihres jüngsten Sohnes Felix infolge einer Krankheit. Nur zwei Tage zuvor hatte Clara Schumann noch ein Konzert im Frankfurter Museum gegeben. Ihre Gefühle hielt sie später gemäß der Schumann-Gesamtausgabe (S.396) mit den folgenden Worten fest: „Am 14. spielte ich im Musumconcert – es war ein lange gegebenes Versprechen. Es wurde mir furchtbar schwer, ach und ich wollte, ich hätte es nicht gethan. Hätte ich gewußt, wie nahe das Ende unseres Dulders, ich hätte es nicht gethan. Mein Herz blutete, als ich Felix gute Nacht sagte, ins Concert gehend. Der Contrast war so schrecklich! ich sah das ganze Concert hindurch nur ihn, seine abgemagerte Gestalt, seinen erloschenen Blick, ach, und seine Athemnoth – es war entsetzlich! Und dennoch spielte ich ganz glücklich, ohne auch nur eine verunglückte Note!“ 

Wie es in einem biografischen Text von Evelyn Wentz, der für das Dr. Hoch’s Konservatorium verfasst wurde, heißt, gab Clara Schumann ihr letztes öffentliches Konzert im Jahr 1891 im Saal der Frankfurter Museumsgesellschaft. Damit endete eine über 60‑jährige Bühnenkarriere. 1892 beendete sie schließlich auch ihre offizielle Lehrtätigkeit aufgrund von Krankheiten. Dem Schumann-Portal zufolge verstarb sie im Jahr 1896 infolge eines zweiten Schlaganfalls. Sie wurde ihrem Wunsch entsprechend neben ihrem Ehemann Robert Schumann auf dem Friedhof in Bonn beigesetzt.

Ehrungen & sammlungen

Clara Schumann wohnte in der Myliusstraße 32, im heutigen Frankfurter Westend. In diesem Haus fanden Teile ihres Unterrichts sowie Privatstunden statt. Frankfurt erinnert bis heute an die große Pianistin – unter anderem durch eine Gedenktafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus sowie durch Konzerte und Veranstaltungen der Robert‑ und Clara‑Schumann‑Gesellschaft Frankfurt. Die Nachweise sind vielfältig und beeindruckend: So bewahrt die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg eine große Anzahl von Lebensdokumenten sowie einen Teil ihres künstlerischen Nachlasses auf. Der gesamte Bestand der Goethe-Universität umfasst unter anderem rund 450 Originalbriefe, verschiedene Ausgaben von Clara Schumanns Kompositionen, die von ihr herausgegebene Werkausgabe ihres Ehemanns, Ölgemälde, Fotografien und Lithografien sowie Konzertprogramme, die ihr künstlerisches Schaffen dokumentieren. Hinzu kommen frühe Jahresberichte des Dr. Hoch’schen Konservatoriums. Darüber hinaus können in der Bibliothek zahlreiche Monografien über das Leben Clara Schumanns sowie ihre Tagebücher eingesehen oder ausgeliehen werden.

Resümee: Clara Schumann war mehr als nur eine berühmte Pianistin und Komponistin – sie war eine Frau, die sich gegen alle Widerstände durchsetzte. In einer Zeit, in der Männer die Musikwelt bestimmten, kämpfte sie mit Talent, Mut und unermüdlichem Ehrgeiz für ihren Platz auf den großen Bühnen. Mit ihrer Musik begeisterte sie Menschen weit über ihre Zeit hinaus. Bis heute werden ihre Werke gespielt, ihr außergewöhnliches Leben fasziniert und ihr Vermächtnis gefeiert. Clara Schumann lebt weiter – nicht als Mensch, sondern in ihrer Musik und als starke Persönlichkeit, die bis heute inspiriert.

Clara Schumann (1819–1896), Pianistin und Komponistin. Titel-Foto: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main

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