Wenn es in Frankfurt um Musik geht, führt an Dr. Hoch’s Konservatorium kein Weg vorbei. Vor rund 200 Jahren stiftete der Frankfurter Rechtsanwalt Dr. Joseph Hoch eine Kunst- und Kulturinstitution, die in ihrer Geschichte viele Berühmtheiten gesehen hat und bis in die Gegenwart höchst erfolgreich als ambitionierte Ausbildungsstätte wirkt. Damit ist Dr. Hoch’s Konservatorium ein prägendes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement und Bildungsförderung in Frankfurt.
Der Stifter Dr. Joseph Hoch und seine Zeit
An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert entfesselten politische und wirtschaftliche Umbrüche den Aufstieg Frankfurts, das auf dem Wiener Kongress von 1815 als Freie Stadt Souveränität erlangte und Sitz des Bundestages des Deutschen Bundes wurde. Damit entfalteten sich zugleich die bürgerlichen Bemühungen, das hiesige Kunst- und Kulturleben zur Blüte zu bringen. So eröffnete bereits 1782 das Komödienhaus und 1808 die Frankfurter Museumsgesellschaft, die in wechselnden Räumlichkeiten bis 1944 Frankfurts zentraler Konzertraum war. In der Folgezeit wurden 1816 die Polytechnische Gesellschaft und das Städelsche Kunstinstitut gegründet, 1817 folgte die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft und die Städelschule sowie 1829 der Frankfurter Kunstverein. Bemerkenswerterweise haben alle diese Kulturinstitutionen die Jahrhunderte überlebt!
In diesem gesellschaftlichen Umfeld wurde am 3. Mai 1815 Joseph Paul Johannes Hoch als jüngstes von vier Kindern in eine alteingesessene und wohlhabende Frankfurter Patrizierfamilie hineingeboren, die sich seit Generationen in städtischen Ämtern auszeichnete. Der Vater stieg als promovierter Jurist 1829 bis zum Älteren Bürgermeister auf und war damit amtierendes Staatsoberhaupt im Deutschen Bund. Die Mutter war Tochter eines Schöffen und Senators.
Joseph Hoch genoss eine solide musikalische Erziehung und hätte auch gern Musik studiert. Schon früh erwarb er solide Kenntnisse des Klavier- und Geigenspiels und komponierte als 13-Jähriger ein Stück, das er seinem Vater widmete. Zudem besuchte er bereits als Kind regelmäßig Konzerte in Frankfurt, wo musikalische Größen wie Louis Spohr, Niccolò Paganini und Joseph Joachim auftraten. Prägend waren die Hauskonzerte und Abendzirkel im Hause Brentano in Rödelheim, wo er Freundschaften mit angesehenen Künstlerpersönlichkeiten schloss und den intensiven Kulturaustausch genoss. Unter diesem Einfluss errichtete er schon als 28-Jähriger ein erstes Testament, das die Gründung eines „Conservatoire“ vorsah.
Privat blieben Joseph Hoch familiäre und finanzielle Sorgen nicht erspart, wobei wenig gesicherte biographische Daten über ihn vorliegen und seine anekdotische Persönlichkeit völlig hinter sein Vermächtnis zurücktritt. Ein Bruder starb als Kleinkind, seine anderen beiden Brüder galten als lebensuntauglich und wurden später entmündigt. Als er 16 Jahre alt war, starb sein von ihm verehrter Vater. Seine als verschwendungssüchtig geltende Mutter heiratete erneut und dezimierte das väterliche Erbe, sodass Joseph Hoch zunächst verarmte. Verschiedentlich wurde daher zum Beispiel seitens Heinz F. Friederichs gemutmaßt, dieser Verlust habe ihn in eine „Flucht in die Musik“ getrieben.
Die Grundlage seines Vermögens legte Joseph Hoch, als er wenige Monate nach dem Tod des Vaters als 16-Jähriger ein Jurastudium aufnahm, das er nach drei Jahren mit einer Promotion abschloss. Anschließend arbeitete er in Frankfurt zunächst als Advokat in eigener Kanzlei und ab 1841 als Buchhalter und Sekretär bei der städtischen Finanzverwaltung.
1856 heiratete Joseph Hoch mit 41 Jahren die 19-jährige Freiin Ottilie von Sodenstern. Noch im ersten Ehejahr bestimmte er in seinem Testament vom 14.7.1857, dass sein (nahezu) gesamtes Vermögen dazu dienen solle, „um in Frankfurt am Main, meiner Vaterstadt, eine Anstalt für Musik unter dem Namen ‚Dr. Hoch’s Conservatorium‘ zu gründen und zu unterhalten“. Mit dieser Stiftung bezweckte er die „Förderung der Musik in jeder Weise und die unentgeltliche Unterweisung unvermögender musikalischer Talente in allen Zweigen der Tonkunst“. Als Dr. Joseph Hoch am 19.9.1874 mit 59 Jahren kinderlos verstarb, betrug sein Vermögen rund 1 Mio. RM, was umgerechnet im Jahre 2026 etwa 8 Mio. EUR entspricht. Indem seine mit nur bescheidenen Beträgen versorgte Witwe dies klaglos hinnahm, ermöglichte sie mittelbar die Gründung des Konservatoriums.
Gründung und erste Blüte des Konservatoriums (1874-1938)
Da Joseph Hochs testamentarischer Auftrag einer professionellen Musikausbildung einzig auf eine akademische Berufsqualifizierung zielte, wurde der Unterricht für Kinder und Laien der 1860 gegründeten privaten Musikschule von Heinrich Henkel überlassen. Das Stiftungskuratorium ernannte den seinerzeit berühmten Komponisten Joachim Raff – Zeitgenossen nannten ihn in einer Reihe mit Richard Wagner und Johannes Brahms – zum Direktor und beauftragte ihn mit dem Aufbau des Konservatoriums. Am 19.9.1878 konnte das Konservatorium seinen Betrieb im angemieteten Saalhof aufnehmen.
Die Personalpolitik Raffs und seines Nachfolgers Bernhard Scholz trug maßgeblich zum Erfolg des Konservatoriums bei, indem renommierte Künstlerpersönlichkeiten unterschiedlicher musikalischer Strömungen als Lehrkräfte und für öffentliche Konzerte gewonnen wurden. Zu nennen sind hierbei insbesondere die Pianistin Clara Schumann und der Komponist Engelbert Humperdinck, nach denen im heutigen Konservatorium die beiden Konzertsäle benannt sind.
Infolgedessen wuchs das weltweite Renommee und die Nachfrage nach Studienplätzen rasant, das Lehrangebot konnte verbessert und um Seminar- und Vorschulklassen erweitert werden. Überdies vergrößerte sich auch das Stiftungsvermögen durch Schulgeld, Konzerteinnahmen und umfangreiche private Spenden. Dies ermöglichte 1888 den Umzug des Konservatoriums in einen, deutlich größeren, eigenen Neubau in der Eschersheimer Landstraße 4, der trotz seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg weithin bekannt ist, da er die Rückseite der letzten 100-DM-Banknote ziert (die Vorderseite zeigt ein Porträt Clara Schumanns).

Einschneidende finanzielle und inhaltliche Umbrüche erlebte das Konservatorium während des Direktorats von Bernhard Sekles (1924-1933). Weil die Hyperinflation von 1923 das Stiftungsvermögen erheblich dezimiert hatte, war das Konservatorium zunächst von der Schließung bedroht. Sekles konnte die Situation indes wenden, indem er das zuvor konservativ ausgerichtete Konservatorium modernisierte und das Lehrangebot erheblich erweiterte. Neu hinzu kamen neben Dirigierklasse, Opernschule und dem Institut für Kirchenmusik auch Kurse für musikalische Früherziehung und Erwachsenenbildung. Hervorzuheben ist die Gründung der weltweit ersten Klasse für Jazz-Musik unter Mátyás Seiber, die jedoch zu heftigen Kontroversen mit konservativen Stimmen führte.
Neuausrichtung der Frankfurter Musikausbildung in der NS-Zeit
Die Finanznot des privaten Konservatoriums nach der Inflationszeit erforderte immer höhere Unterstützung durch die Stadt Frankfurt und das Reich, die hierfür jedoch Einfluss auf dessen künstlerische Ausrichtung und organisatorische Leitung verlangten. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler nutzen dessen Parteigänger diesen städtischen Einfluss sogleich, um politisch unliebsame Lehrkräfte und Lerninhalte zu entfernen, woran auch das Konservatorium auf seiner Website erinnert. Dabei bestehen beachtliche Kontinuitäten zunächst zwischen sozialdemokratischen (Ministerialrat Leo Kestenberg) und später nationalsozialistischen (Oberbürgermeister Friedrich Krebs) Obrigkeiten, denen die Unabhängigkeit dieser bürgerlich-liberalen Institution ein Gräuel war. Beide trachteten daher danach, die progressive und vermeintlich elitäre Musikkultur des Konservatoriums durch schlichte „Gebrauchsmusik“ zu ersetzten.
Nach der Entmachtung des Stiftungskuratoriums erfolgte dazu die Gründung der „Hochschule für Musik und Theater der Stadt Frankfurt am Main“, worauf deren Rechtsnachfolgerin, die heutige „Hochschule für Musik und Darstellende Kunst – HfMDK“, selbst hinweist. An diese hatte das Konservatorium 1937 per Vertrag sämtliche akademischen und berufsbildenden Studienzweige, das entsprechende Lehrpersonal, das stattliche Lehrgebäude, die Instrumentensammlung und die Bibliothek sowie die Erträge seines Vermögens zu übertragen. Unweigerlich endete mit dieser Übertragung zugleich die Reihe berühmter Persönlichkeiten, die am Konservatorium lehrten und lernten und der mit diesen Namen verbundene Glanz ging an die Hochschule verloren. Um dieser rechtlich zweifelhaften „Ausgründung“ den Anschein von Legalität zu verleihen, trug die Hochschule zunächst noch den Namenszusatz „Dr. Hoch’s Konservatorium“, der jedoch bald fallengelassen wurde. Das Institut für Stadtgeschichte beschreibt eindrücklich, dass dem Konservatorium nach dieser „Beschneidung, Degradierung und Enteignung“ nur die Vorschule für Kinder und Laien verblieb. Den traurigen Schlusspunkt bildet der vernichtende Luftangriff vom 4.10.1943 und ein kurzzeitiger Ausweichsitz, bevor das Konservatorium im Herbst 1944 dann endgültig geschlossen wurde.
Entwicklung des Konservatoriums seit 1951
Nach dem Kriegsende und mit dem einsetzenden Wiederaufbau stellte sich alsbald die Frage, in welcher Weise und Funktion das Konservatorium als Ort musikalischer Bildung und identitätsstiftender Musikkultur wiederbelebt werden könnte. Als Ersatz für das zerstörte Lehrgebäude konnte der Betrieb 1951 zunächst im benachbarten Volksbildungsheim in der Eschersheimer Landstraße wieder aufgenommen werden. Nach einem Zwischenspiel ab 1989 im Philanthropin in der Hebelstraße zog das Konservatorium 2005 schließlich an den heutigen Standort im Bildungszentrum Ostend in der Sonnemannstraße 16 um.


Die 1937 erzwungene vertragliche Beschränkung auf den Unterricht von Laien wurde erst 1967 annulliert. Nach grundlegenden Strukturveränderungen konnte das Konservatorium 1981 wieder eine Hochschulvorbereitung sowie 1985 einen berufsbildenden Zweig bis zur „Staatlichen Musiklehrerprüfung“ einrichten. Zugleich konnten Chor und Orchester wiederbegründet und Abteilungen für Musiktheorie, Alte Musik (Renaissance und Barock) und Neue Musik (ab 1910) eingerichtet werden. Damit wurde es, nach langen Kontroversen um eine 1971 letztlich abgesagte Fusion mit der städtischen Musikschule, zum Bindeglied zwischen dieser und der HfMDK. Mit letzterer bestehen zudem seit 1995 und 2002 Kooperationen, die es ermöglichen, nach erfolgreichem Abschluss bestimmter Konservatoriums-Studiengänge das Studium an der HfMDK nahtlos und unter Anerkennung von Studienleistungen fortzusetzen. 2002 erlangte das Konservatorium schließlich den Status einer Musikakademie, also einer Fachschule für musikalische Berufsausbildung bis zum staatlich anerkannten Abschluss eines „Bachelor of Music“, woraufhin die offizielle Bezeichnung des Konservatoriums entsprechend ergänzt wurde.
Lehrangebot des Konservatoriums
Heute unterrichten an Dr. Hoch’s Konservatorium über 80 Lehrkräfte rund 1000 musikalisch ambitionierte Kinder, Jugendlicher und Erwachsene. Das Ausbildungsniveau reicht dabei von musikalischer Früherziehung und der eigentlichen Musikschule („Abteilung für Nachwuchs- und Erwachsenenbildung – ANE“) über die Studienvorbereitung („Abteilung PreCollege Frankfurt – PCF“) bis zur Studienabteilung mit dem akademischen Abschluss eines „Bachelor of Music“. Da das Konservatorium im Gegensatz zu einer „normalen“ Musikschule (außer bei der Früherziehung) der musikalischen Fachausbildung und Talentförderung dient, setzt die Zulassung zum Unterricht das Bestehen einer Aufnahmeprüfung voraus. Nach den Vorgaben Joseph Hochs wird nach wie vor das Studium kostenlos angeboten; für den kostenpflichtigen Unterricht sind Ermäßigungen möglich.


Die angebotenen Unterrichtsfächer richten sich nach dem Ausbildungsniveau. In der ANE besteht für alle Altersgruppen die Wahl zwischen Instrumental-, Gesangs- und Theorieunterricht sowie Ballett.
Das PreCollege dient der Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule und setzt zumeist das Abitur oder den Realschulabschluss voraus. In einem modularen Ausbildungsprogramm vermittelt es zusätzlich zu vertieften Inhalten aus der ANE weitere musiktheoretische und – praktische Kenntnisse sowie Ensemble-, Konzert-, Chor- oder Bühnenpraxis. Hierbei werden auch Spezialisierungen im Bereich Alte Musik, Neue Musik und Jazz-Musik angeboten.
Die Studienabteilung stellt im Rahmen einer vierjährigen künstlerischen Berufsausbildung ein modulares und akkreditiertes Studienangebot dar, das mit dem grundständigen akademischen Grad eines „Bachelor of Music“ abgeschlossen wird; die Aufnahme setzt auch hier zumeist das Abitur oder den Realschulabschluss voraus. Es besteht die Wahl zwischen vier Studienprofilen, die durch verschiedene praxisorientierte Studienprojekte erweitert werden: Instrument oder Gesang, Musikvermittlung und -pädagogik, Jazz- und Popularmusik sowie Komposition.

Bei der Instrumentalausbildung stellt das breite Angebot eine besondere Stärke von Dr. Hoch’s Konservatorium dar. Neben den gebräuchlichen Instrumenten eines Sinfonieorchesters (Streichinstrumente, Holz- und Blechblasinstrumente, Harfe, Schlagwerk) und Tasteninstrumenten werden hier auch Instrumente der Alten Musik (Cembalo, Viola da Gamba, Laute, Blockflöte etc.) und der Jazz-Musik unterrichtet. In Kooperation mit dem transkulturellem Bridges Kammerorchester kommen im Studiengang „Musikvermittlung“ als Alleinstellungsmerkmal noch außereuropäische Instrumente wie Oud, Kaval, Erhu, Tiple oder Baglama hinzu, die hierzulande selten, in den jeweiligen Kulturkreisen jedoch auf höchstem Niveau gespielt werden.
Das gemeinsame Musizieren in Ensembles, Orchestern und Chören ist zentraler Teil der Musikausbildung, weil hierdurch neben technischen Fähigkeiten auch Harmonie und Rhythmus trainiert werden. Dies ist entscheidend für ein gelungenes Zusammenspiel und unterstützt so die Entwicklung der Musikerpersönlichkeit. Das Konservatorium verfügt daher allein oder in Kooperation mit anderen Institutionen über vier Orchester (zwei Sinfonieorchester, Kammerorchester, Bridges Kammerorchester), vier Instrumentalensembles (Violoncello, Trompete, Saxophon, Big Band), einen Chor sowie ein Vokalensemble für Alte Musik. Mit diesen Klangkörpern und seinem umfangreichen Angebot an Konzerten und Veranstaltungen dient das Konservatorium zugleich der Musikvermittlung und prägt damit das hiesige kulturelle Leben.

Für Frankfurt und weit über die Region hinaus trägt Dr. Hoch‘s Konservatorium so seinem Kultur- und Bildungsauftrag Rechnung, ehrt das Angedenken und pflegt das Vermächtnis seines Stifters Dr. Joseph Hoch: die Förderung der Musik in jeder Weise.
Beitragsbild: Dr. Hoch’s Konservatorium, © Claus Graupner





