Halleluja, sind die lecker! Warum ausgerechnet Nonnen die Frittenzange schwingen – und mit Pommes statt Predigten Menschen zusammenbringen wollen.
Es ist Nachmittag in Frankfurt-Sachsenhausen. Autos rollen vorbei, Fahrradkuriere jagen durch die Straßen, aus den Cafés klingt Geschirrgeklapper. Vor der Kirche St. Aposteln hat sich eine kleine Schlange gebildet. Der Grund ist so irdisch wie verblüffend: eine Pommes-Bude. Also eigentlich nichts Besonderes. Wäre da nicht der Blick hinter den Tresen. Denn dort stehen keine Imbissprofis mit Basecap oder Grillmeister in Schürze. Stattdessen lächeln Ordensschwestern. Während die Fritteuse leise vor sich hin blubbert, wandern goldgelbe Pommes in Pappschalen, werden gesalzen, mit Soßen garniert und mit Segen über den Tresen gereicht.
Willkommen bei „Meet’n Frites“ – die vielleicht himmlischste Pommesbude Frankfurts. Denn wer glaubt, Ordensleben bedeute ausschließlich Stille, Gebet und abgeschiedene Klostergänge, erlebt hier eine kleine Überraschung. Dort, wo der Himmel nach einem süßlichen Mix aus Karamell und Zwiebel duftet, stehen hinter dem Tresen eines bibelfesten Imbisswagens Frauen in Ordenstracht. Sie frittieren Pommes für alle. Nicht nur mit Mayonnaise, sondern auch mit Gottes Segen, und das alles umsonst. „Wer kann, darf spenden“, heißt es generös in einem Videobeitrag der Hessenschau. Schwester Bettina von der Sankt Aposteln-Kirche ist eine engagierte Pommes-Verkäuferin und zugleich eine überzeugte Christin. Gemeinsam mit Mitschwestern der Steyler Familie hat sie die Pommesbude eröffnet. Sie nennen sich passenderweise Schwester-Pommes und sie verbindet auf eine Weise, die ziemlich verrückt erscheint, aber sympathisch ist. Und das nicht ohne Hintergedanken. „Die Kirchen kämpfen mit sinkenden Mitgliederzahlen. Mit Aktionen wie der Pommesbude versuchen die Gemeinden, dem etwas entgegenzusetzen“, berichtet die Hessenschau weiter. Heißt konkret: Viele Kirchen kämpfen damit, Menschen zu erreichen, die sich von traditionellen Angeboten nicht mehr angesprochen fühlen. Die Schwestern an der Apostelkirche gehen deshalb einen eigenen Weg: Sie warten nicht darauf, dass die Menschen kommen – sie schaffen einen Anlass, dass sie bleiben.

Pilgern für Pommes
Angesichts dieses weltlichen Hintergrunds haben sich die Steyler Missionsschwestern immer wieder gefragt: Wie erreicht man heute Menschen, die mit Kirche kaum noch etwas anfangen können? Mit langen Predigten? Eher nicht. Mit einer richtig guten Portion Pommes? Warum eigentlich nicht. Dabei klingt die Idee zunächst wie ein kleiner Auszug aus der Speisekarte aus dem Paradies: Pommes statt Psalmen. Also eine Kirche mit Imbiss? Ordensfrauen am Verkaufsstand? Auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich. Doch bei näherem Hinsehen ist es gerade dieser Widerspruch, der ihr ihren Charme verleiht. Essen bringt Menschen zusammen. An dieser Pommesbude begegnen sich Bankangestellte, Rentner, Handwerker, Studierende, Familien mit Kindern und Touristen. Alle stehen in derselben Schlange. Alle warten auf dieselben knusprigen Kartoffelstäbchen. Und plötzlich kommen einige der anwesenden Personen ins Gespräch.
Kartoffelgenuss zum Niederknien
Wer jetzt denkt, zwischen Ketchup und Currysoße werde sofort die Bibel ausgepackt, liegt daneben. Die Schwestern wollen niemanden überreden oder belehren. Sie hören zu. Lachen mit ihren Gästen. Fragen nach, wie der Tag läuft. Manchmal geht es um den Job, manchmal um die Familie, manchmal um Einsamkeit oder Sorgen. Und manchmal eben auch um Gott. Nicht, weil jemand muss. Sondern, weil jemand möchte. „Wir wollten einen Ort schaffen, an dem Menschen einfach ins Gespräch kommen“, sagen die Schwestern über ihre Idee. So wird aus einer Portion Pommes manchmal viel mehr als nur Nahrung zum Niederknien.
Auch beim Preis läuft hier einiges anders. Es gibt keine große Preistafel mit festen Beträgen. Jeder gibt das, was er kann oder möchte. Wer etwas mehr bezahlt, ermöglicht anderen eine günstige Mahlzeit und unterstützt gleichzeitig soziale Projekte der Steyler Missionsschwestern. Ein Prinzip, das offensichtlich gut funktioniert. So stellen die Ordensfrauen zusammen mit der Gemeinde so einiges auf die Beine. Mal wird die Kirche unter anderem zum Kleidercafé, mal werden die kühlen Holzbänke im benachbarten Gotteshaus zu Schlafstätten mit Sitzheizung für Obdachlose umfunktioniert. Dann gibt es noch das Nachtcafé, eine vorübergehende Notunterkunft für Frauen in akuten Notsituationen. Und nicht zu vergessen Open Fridge, ein Ort, zu dem alle Menschen Lebensmittel bringen können und kostenlos mitnehmen dürfen. Der offene Kühlschrank kooperiert mit foodsharing, eine Initiative, die 2012 ins Leben gerufen wurde, um gegen die Verschwendung von Lebensmitteln vorzugehen und deren Wertschätzung zu fördern. „Über deren Netzwerk erhalten wir für unsere Abgabestelle von interessierten Unternehmen aussortierte oder unverkäufliche Ware. Anstatt im Müll entsorgt zu werden, erhalten die Lebensmittel somit eine sinnvolle Verwendung“, ist auf der Homepage der Initiative des Frauenordens zu lesen. Natürlich wird der Kühlschrank den Angaben zufolge regelmäßig nach einem Hygieneplan kontrolliert und gereinigt.
Exkurs: Überlieferten Erzählungen zufolge wurden Pommes zum ersten Mal vor der Revolution von Straßenhändlern in Paris im Jahr 1789 angeboten. Ein Familiendokument aus dem frühen 17. Jahrhundert belegt laut dem Kartoffelproduzenten Aviko jedoch, dass die ersten Fritten in der belgischen Flussregion um die Maas zubereitet wurden, wo ebenfalls Französisch gesprochen wird. Demzufolge ist anzunehmen, dass die Pommes frites ihren Ursprung im südlichen Belgien haben, genauer gesagt in der Namur-Region am Maasfluss. So oder so – bis zum heutigen Tag streiten sich die Franzosen und Belgier über die Herkunft der Pommes. Beim Thema Kalorien sind sich dagegen alle einig: „Weil Pommes das Fett aufnehmen, in dem sie gebacken werden, haben sie viele Kalorien. 100 Gramm haben etwa 316, dazu kommen noch die Kalorien der Soßen. Zum Vergleich: 100 Gramm pure Kartoffeln haben nur 77 Kalorien“, registriert die Süddeutsche Zeitung .
Dem Online-Kinderlexikon Klexikon zufolge ist Mayonnaise in Deutschland neben Ketchup extrem beliebt. Die Kombination aus beidem wird als „Pommes rot-weiß“ oder „Pommes Schranke“ bezeichnet. In Österreich und der Schweiz ist es ähnlich. In den Niederlanden ist das „patatje oorlog“ bekannt, was auf Deutsch „Pommes Krieg“ heißt. Hierzu zählen Erdnuss-Soße, Mayonnaise sowie in kleine Stücke geschnittene frische Zwiebeln. In Finnland genießt man „makkaraperunat“ (Würstchen-Kartoffeln), die mit Senf, Ketchup, Zwiebeln, sauren Gürkchen und gelegentlich einer Art Mayonnaise serviert werden. In Kanada sind Pommes frites eine beliebte Zutat für Poutine, bestehend aus Fritten, Käsebruch (fromage en grains) und darüber gegossener Bratensauce (Sauce brune). Sie werden mit einem Löffel gegessen.

Zurück zum Foodtruck. Die Schwestern kennen viele Stammgäste beim Namen. Sie erkundigen sich nach dem letzten Urlaub, fragen nach den Kindern oder hören einfach nur zu. Zwischen Fritteuse und Salzstreuer entstehen Begegnungen, für die im hektischen Alltag sonst oft keine Zeit bleibt. Natürlich geht es auch ums Essen und um die Soßen. Diese heilige Dreifaltigkeit aus Mayo, Basilikum-Aioli und die Chili-Curry-Sauce mit Feuerwehreinsatz-Garantie ist selbstredend hausgemacht. Keine Fabrikware, kein Plastikfläschchen – nur Handarbeit und ein bisschen Saucen-Wahnsinn dazu.
Cash von der Caritas
Alle vierzehn Tage immer donnerstags gibt es die himmlischen Pommes vor der St. Aposteln-Kirche. „Wir wollten die Gemeinschaft hier vor Ort weiten und besonders mit Leuten in Kontakt kommen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen“, erklärt Schwester Bettina gegenüber der Frankfurter Neuen Presse (FNP). „Und wo kommt man besser ins Gespräch mit Menschen als bei einer Portion Pommes?“, heißt es weiter. Dabei sei der Anfang nicht leicht gefallen. Zunächst war es aufgrund der fehlenden Rampe nicht möglich, den Wagen zum Kirchplatz zu rollen. Glücklicherweise habe eine Gärtnerei den Wagen hoch zum Kirchplatz gehoben. Zusätzliche Unterstützung gesellt sich anschließend schnell hinzu: „Ein befreundeter Koch hat die veganen Soßen entwickelt, eine Werbeagentur das Corporate Design beigesteuert und dem Wagen einen modernen Look verpasst, ein Biobauernhof aus der Region schält und schneidet die Kartoffeln, die Caritasstiftung und das Bistum stellten finanzielle Mittel bereit. Ein kleines Team von Ehrenamtlichen steht regelmäßig hinter dem Tresen“, zählt die FNP auf.
Goldgelb wie der Heiligenschein
Gerade in einer Stadt, die oft mit Banken, Börse, Hochhäusern und Hektik verbunden wird, wirkt dieser kleine Imbiss fast wie eine Gegenwelt. Keine Eile. Kein Stress. Stattdessen ein freundliches Lächeln, ehrliche Gespräche und eine große „Portion Pommes für die Ewigkeit“, die mehr verbindet als nur den Hunger stillt. Wer die Schwestern beobachtet, merkt schnell: Sie nehmen ihre Aufgabe ernst – aber sich selbst nicht immer. Da wird gelacht, gescherzt und gefrotzelt. Die Atmosphäre ist herzlich und unkompliziert. Vielleicht ist genau das das Erfolgsrezept. Dann beginnt das beste Gespräch eben nicht auf der Kirchenbank. Sondern mit den fünf schönsten Worten eines jeden Imbisses: „Einmal Pommes rot-weiß, bitte!“, oder besser: „Einmal Pommes Gott-weiß“? Egal. Hauptsache die goldgelben Sticks sind der Köder. Die Begegnung ist das eigentliche Menü. Wer jetzt also noch weiterhin glaubt, Nonnen würden den ganzen Tag nur beten, hat die Rechnung ohne die Fritteuse gemacht. Die Geschichte und den Beweis gibt’s auch im Video.

Kurzum: Wenn der Trubel rund um die Apostelkirche allmählich verklingt, der letzte Gast gegangen ist und die Fritteuse ausgeschaltet wird, bleibt nicht nur der Geruch von frisch gebackenen Kartoffeln zurück. Es bleiben Gespräche, Begegnungen und kleine Momente, die sonst vielleicht nie passiert wären. Die Ordensschwestern an der Apostelkirche beweisen: Manchmal braucht es keinen großen Plan, um Menschen zu erreichen. Es reicht eine Portion Pommes. Mit Mayo. Mit Herz. Und mit viel Mut. Festzuhalten ist: Die Begegnungen finden bisher im 14-tägigen Rhythmus jeweils donnerstags von 17:00 bis 19:00 Uhr auf dem Kirchplatz der St. Aposteln in Sachsenhausen statt. Die Anschrift lautet: Ziegelhüttenweg 149, 60598 Frankfurt am Main. Aktuelle Termine und weitere Informationen sind über den Instagram-Kanal sowie die Website der Styler Missionsschwestern abrufbar. Und so merke: Jeder zweite Donnerstag sei fortan ein Pommes-Tag!
Titel-Grafik: Michael Sobczak / GFFB




