„Salve“  – Frankfurts römisches Erbe

„Salve“ – Frankfurts römisches Erbe

#Livia #Römerkind
Symbolbild von Livia; Grafik: P. Wojsyk / GFFB

„Salve“, das heißt „sei gegrüßt“. Ich heiße Livia, bin 9 Jahre alt und lebe 90 n. Chr. in der römischen Stadt Nida. Ich möchte Dich heute einladen, eine fantastische Reise in die Römerstadt Nida zusammen mit mir zu unternehmen. Ich biete Dir einen Einblick in das Leben und die städtische Umgebung als Kind aus der römischen Oberschicht. In meiner Zeitreise erzähle ich Dir alles, was ich in der Schule gelernt habe und was über Artefakte und Ausgrabungen überliefert wurde. Möchtest Du mit mir kommen?

Zu meiner Zeit ist es üblich, einander zu duzen. Falls Du nichts dagegen hast, würde ich es gern so lassen. Ich gewähre Dir immerhin einen persönlichen Einblick in mein Leben.

Weil ich so schlau bin, möchte ich Folgendes vorwegnehmen: Während der Römerzeit war Nida (heute Frankfurt-Heddernheim), eine der wichtigsten römischen Städte. Nida bildete das Zentrum für Politik und Wirtschaft in einer römischen Verwaltungseinheit innerhalb der Provinz Germania superior. Archäologen berichten, dass die Stadt über eine hoch entwickelte Infrastruktur verfügte, mit großen Wohnhäusern, einem Theater, Thermen (Badehäusern) und religiösen Stätten, die mit den großen Zentren am Rhein konkurrieren konnte. In ihr lebten und handelten Menschen aus dem ganzen Römischen Reich, weshalb sie ein bedeutendes Wirtschaftszentrum war. Hier ist echt immer was los!

Laut dem Archäologischen Museum Frankfurt lebten schätzungsweise bis zu 6000 Menschen in Nida. HIER finden Interessierte einen Lageplan der Ausgrabungen der Römerstadt.
Die ersten Hinweise auf eine zumindest vorübergehende römische Besiedlung datieren in die Herrschaft des Kaisers Vespasian von 69 bis 79. Nida wurde um 260 aufgegeben, als die Römer den Obergermanisch-Raetischen Limes und dessen Hinterland räumten.

Das Frühe Militärlager

#Römisch #Legion
Symbolbild einer römischen Legion; Foto: Sprachprofi / pixabay
#Römisch # Legionäre
Symbolbild zu römische Legionäre; Foto:s2dent / pixabay

Meine Eltern haben mir oft schon erzählt, dass es gar nicht so leicht war, wie die Stadt entstanden ist.
Die römische Militärführung maß dem Gelände am Fluss Nidda besondere strategische Bedeutung bei der Besetzung der Wetterau zu. Ein paar Ausflüge zu den Militärlagern aus der Zeit um das Jahr 75 haben meine Familie und ich schon gemacht. Das Wichtigste dieser Kastelle war das „Kastell A“, bekannt auch als Alen- oder Steinkastell. Die anderen Kastelle sind meist nur in Teilen bekannt und dürften, mit Ausnahme des Steinkastells, nur für kurze Zeit existiert haben. Mindestens zehn der Kastelle soll es gegeben haben. Könnt Ihr euch das vorstellen? Alles einfach liegen gelassen! Unmittelbar westlich des Steinkastells entwickelte sich eine zivile Ansiedlung, bekannt als Vicus. Zu Beginn des Kastellvicus ließen sich dort zunächst Personen nieder, die der Truppe nahestanden. Das waren zum Beispiel Verwandte, Handwerker, Händler und Wirte. Denen scheint es dort gut gefallen zu haben.

Unsere Stadt

Und mit der Zeit wurde ich dann dort in der Gegend schließlich geboren. Nida trug zu der Zeit bereits eine ganz entscheidende Rolle als Wirtschaftszentrum im Grenzgebiet des obergermanischen Limes und als Umschlagplatz für den Handel mit Regionen außerhalb der römischen Provinz. Wirtschaftlich gesehen war Nida der Zentralort der civitas, also die Bürgerschaft und der Markt für zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen, darunter die vielen Villae rusticae. Das sind die Landgüter, die sich in dieser Zeit auf den fruchtbaren Böden der Wetterau ansiedelten.
In Nida wurde die militärische Struktur bald durch eine zivile Besiedlung ergänzt. Da kamen dann ganz viele neue Nachbarn und potenzielle Spielgefährten für mich.

Ein umfangreicher Bereich im Zentrum der Siedlung wurde eingeebnet und war als Forum angelegt. Auch zwei große Thermen, das Praetorium, mehrere Tempel und ein Theater haben die Stadt zu meiner Freude zu einen großen Erlebnisraum erweitert. Es hat vermutlich auch einen mit Reliefs verzierten Ehrenbogen gegeben. Hier gab es häufig die stolzen Paraden der Legionäre. Die städtischen Eliten repräsentierten sich selbst mit zahlreichen Steindenkmälern und lateinischen Inschriften, die ich gerade so wegen meines Schulunterrichts lesen konnte. Von kunsthistorischer Bedeutung ist ein erhaltenes, farbiges Steinbild aus einem der sogenannten Mithräen, den Heiligtümern des Gottes Mithras.

Unsere Privathäuser

Bevor wir uns auf den Weg machen, kannst Du Dich bei uns etwas ausruhen. Willkommen in unserer eleganten Villa der typischen Oberschicht. Wie Du sehen kannst, ist ein offener Innenhof, das Atrium, ein wesentlicher Teil meines Zuhauses. Dieser wird von Säulen umgeben, die von duftenden Blumen und Sträuchern bewachsen sind. Ein Becken zur Sammlung von Regenwasser und zur Kühlung des Raumes ist in der Raummitte eingelassen. Sein Name ist Impluvium. Schön sah es ja aus, aber leider habe ich nicht allzu gute Erinnerungen im Sommer daran. Stechmücken haben sich dort total wohlgefühlt und uns alle zerstochen, dass wir sogar Fieber bekamen (PDF: 3,9MB, Groß et. al 2011, S. 15). Die Schlafräume unserer Familie – die nennt man cubiculum – sowie das Esszimmer befinden sich rundherum. Das Speisezimmer trägt den Namen Triclinium. Beim Essen nutzen wir drei halbrunde Liegen, die Klinen oder lecti triclinares, die um einen Tisch herum angeordnet sind. Wir essen in einer halb liegenden Position und stützen uns mit einem Arm ab. Also ich finde ja, das sieht ganz schön edel aus.

Die Wände sind mit kunstvollen Malereien und mit Zeichnungen aus der römischen Götterwelt geschmückt. Der Fußboden ist mit wunderschönen Mosaiken verziert. Darf ich Dich auf diese besonderen Mosaiken aufmerksam machen? Wie Du unten in den Bildern erkennen kannst, sind kämpfende Gladiatoren, oder hier die mythologische Darstellung von Europa auf dem Stier zu sehnen. Kennst Du Europas Geschichte? Der antike Mythos, den „Europa auf dem Stier“, erzählt von der Liebe des Göttervaters Zeus zu einer phönizischen Prinzessin namens Europa. Um sie zu entführen, verwandelte er sich in einen wunderschönen weißen Stier und brachte sie nach Kreta, wo er sich ihr offenbarte. Dies gab dem Kontinent seinen Namen und ist bis heute ein bekanntes Symbol. Die Erzählung stammt von den alten Griechen. Wir aber kennen den griechischen Gott Zeus als Jupiter. Er ist der oberste Gott, Herrscher über den Himmel, das Wetter und der König der Götter.
Und schau mal hier, das Bild ganz rechts: Da kannst du ein ganz großes Familienporträt sehen. Hier sind meine Eltern, mein Großvater und alle, die mir lieb und teuer sind.

Unsere Speisen

Dank der sozialen und wirtschaftlichen Stellung meiner Familie können wir eine große Vielfalt kulinarischer Spezialitäten des römischen Reiches und aus verschiedenen Nachbarländern wie Spanien und Gallien genießen. Importierte Gewürze wie Pfeffer, Ingwer, Zimt, Kardamom und Salz sind für uns jederzeit verfügbar. Auch exklusive Fleischsorten wie Schwein, Wild (Hirsch, Hase, Wildschwein, Gänse, Lamm), Fisch & Meeresfrüchte (wie Austern und verschiedene Fischarten, oft mit der würzigen Fischsoße Garum) sowie ein umfangreiches Angebot an Gemüse und Obst und feinem Wein stehen uns zur Verfügung. Sagt Dir Garum etwas? Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Garum ist vielseitiges Würzmittel für fast alle Gerichte es ist ein florierendes Handelsgut, das unseren Speisen Umami-Geschmack verleiht und für seinen intensiven Geruch bei der Herstellung bekannt ist. In unserer römischen Küche ist ohne Garum keine vollmundige Speise wegzudenken.

Um der Sommerhitze zu entkommen, sind die Zimmer meist fensterlos und spärlich möbliert. Es gibt Betten, Stühle, Bänke, kleine Tische und Truhen. Kleine Öllampen fungieren als kleine atmosphärische Lichtquelle. Auch Haustiere, so etwa zwei Hunde als Wachtiere, halten wir. Falls Du einen Schriftzug mit der Aufschrift „Cave canem“ entdeckst, solltest Du Vorsicht walten lassen. Das bedeutet: Hüte Dich vor dem Hund!

Meine Geschwister und ich lernen schon in unserer Kindheit, wie sehr das soziale Ansehen unserer Familie unser Leben beeinflusst. Wir wohlhabenden Römer*innen, so wie meine Familie, residieren in prächtigen Stadt- oder luxuriösen Landhäusern. Wir genießen Bildung und Kultur (Theater, Bäder) und besitzen zahlreiche Sklaven. Unser Domus ist ein mit aufwändig gestalteten Mosaiken und Gärten versehenes Stadthaus, das einer ländlichen Villa ähnelt. Die Arbeiten meiner Eltern sind klar strukturiert. Männer unserer sozialen Schicht sind in den Bereichen Politik, Handel oder Verwaltung tätig. Die Frauen hingegen kümmern sich um die Belange der Familien. Meine Mutter zum Beispiel, sie leitet den Haushalt mit aller Strenge. Sie überwacht die Arbeit unserer zahlreichen Sklaven, weist uns Kinder an und organisiert das Privatleben unserer Familie. Komm mit, wir gehen mal durch die Stadt, ich will Dir mehr von unserer Kultur zeigen. Unser nächster Stopp auf dem Stadtrundgang sind die römischen Bäder.

Die Bevölkerung mit geringem Einkommen arbeitete hart und ernährte sich von Brot, Brei und Wein, während „Brot und Spiele“ für Unterhaltung sorgten und die Infrastruktur (Straßen, Wasser, Abwasser) das Leben erleichterten. Kinder aus wohlhabenden Familien gingen zur Schule, während Kinder aus unteren Schichten frühzeitig mit Hausarbeit bekannt gemacht wurden.
Ein erheblicher Teil der Bevölkerung setzte sich aus Sklaven zusammen. Sklaven waren hier rechtlose „Sachen“, die durch Kriegsgefangenschaft, Geburt, Piraterie oder durch Verurteilung in die Sklaverei geraten sind. Sie verrichteten eine Vielzahl von Arbeiten, von gefährlicher Landwirtschaft und Bergbau bis hin zu spezialisierten Aufgaben als Lehrer, Ärzte oder Diener in wohlhabenden Haushalten. Obwohl ihr Leben hart und oft von unmenschlichen Bedingungen geprägt war, gab es die Möglichkeit der Freilassung (Manumission). Dies galt insbesondere für städtische Sklaven, die oft zu Freigelassenen (Liberti) mit Bürgerrechten wurden.

Die Mehrheit der Römer lebte in als Insula bezeichneten Mietshäusern. Es handelte sich hier um Wohnblocks mit mehreren Etagen und einer Vielzahl von kleinen Wohnungen. Der bauliche Zustand war häufig sehr schlecht; es gab sogar Fälle, in denen ein solches Mietshaus einstürzt! Oft brannten sie ab, während die Anwohner auf kleinen offenen Herden kochten. Im Erdgeschoss befanden sich zur Straßenseite hin oft kleine Läden, in denen man Nahrungsmittel kaufen konnte. Während im Erdgeschoss Wasser aus dem Hahn kam, musste in den oberen Stockwerken Wasser mit Eimern befördert wurden. Das Gitter vor den Fenstern bot im Winter keinen Schutz vor der Kälte. Hin und wieder wurden hölzerne Fensterläden verwendet, doch diese sorgten dafür, dass kein Licht eindringen konnte.

Unser Besuch in den Thermen

#Römisch #Römisches Bad
Römisches Bad Foto: K. Mitch Hodge / unsplash

Nida verfügt tatsächlich über zwei große öffentliche Thermalanlagen (West- und Ostthermen) sowie ein Militärbad, die ein Teil der luxuriösen Stadtinfrastruktur sind. Thermen mögen meine Eltern und ich sehr. Hier treffen wir Freunde und Nachbarn, spielen oder plaudern und entspannen oder waschen uns. Und sie sind schön warm. Sie verfügen über ausgeklügelte Hypokausten-Systeme zur Beheizung von Wänden und Böden, die im Heißbad (Caldarium) Temperaturen von 50–60 °C erreichen. Die Hauptbereiche sind das Caldarium (heißes Wasser), Tepidarium (lauwarmes Wasser) und Frigidarium (kaltes Wasser) sowie Bibliotheken und Sporteinrichtungen.
Die Besucher durchlaufen eine vordefinierte Abfolge. Das Apodyterium (Umkleide), Tepidarium, Caldarium und schließlich das Frigidarium zum Abkühlen. Sklaven spielen in unseren römischen Thermen eine entscheidende Rolle, da sie für den Betrieb, die Reinigung und die Infrastruktur verantwortlich sind (Heizung, Wasserversorgung). Wie das genau funktioniert, wurde mir mal in der Schule erklärt: Über Schürklappen in den Hauptwänden bedienen sie die Wandheizungen und befüllen die Heizkammern (praefurnia) kontinuierlich mit Holzkohle, oder mit trockenem Holz. Die produzierte Heißluft zirkuliert durch die Hohlräume, erwärmen die Böden und Wände und sorgen für eine konstante Wärmeversorgung, die über Lüftungsklappen im Dach gesteuert wird. Reiche Besucher bringen ihre eigenen Sklaven mit, die persönliche Dienste wie das Vorwärmen von Bänken, Massagen oder das Tragen von Gegenständen leisten und so den Luxus ihrer Herren demonstrieren. Für den Vertrieb von Snacks und Drinks oder gar für die Zerstreuung gibt es ebenfalls spezielle Sklaven. Hier gibt s auch die Gelegenheit zum Spielen. Ich möchte Dir gerne einige Spiele zweigen, aber nur wenn es Dich interessiert.

#Nuss #Walnuss
Foto: Pezibear / pixabay

Das Nussspiel
So geht es: Zwei Kinder lassen abwechselnd eine Nuss, die eine andere Farbe hat, über ein schräg liegendes Brett hinunterrollen. Wenn die zweite Nuss die erste berührt, darf der erste beide Nüsse nehmen. Zehn Nüsse kommen zum Einsatz. Der Sieger ist derjenige, der zum Schluss alle Nüsse hat.

#Würfel #Natur #Brett
Symbolbild Würfelspiel, Foto: Alexas Fotos / pixabay

Würfelspiel
Es wird auch mit kleinen Knöchelchen gespielt. Knöchel, die nahezu würfelförmig sind, können aus den Sprunggelenken von Schaf oder Ziege gewonnen werden. Das Spiel trägt den Namen Astragale, nach diesen Knöcheln. Die vier Seiten der Astragale hatten einen unterschiedlichen Wert. Es wird mit Vieren geworfen und die Summe der Werte wird gebildet. Werden bei einem Wurf alle vier höchsten Seiten sichtbar, so wurde dies „Venus“ genannt und der Spieler gewann. Wenn alle Würfel nur eine „1“ mit der einfachsten zu würfelnden Seite zeigten und das Ergebnis „Canis“ (Hund) lautet, hat man automatisch verloren.

#Sand #Zeichnung
Symbolbild Deltaspiel, Foto: masonjik38 / pixabay

Deltaspiel
Ein großes Dreieck wird dabei entweder auf dem Boden gezeichnet oder in den Sand geritzt. Zehn Streifen enthalten von unten nach oben die Beschriftung mit den Ziffern I bis X. Nun bekommt jeder Spieler 5 Nüsse und wirft jeweils nacheinander eine davon. Die Anzahl der Punkte entspricht der Zahl, auf der seine Nuss zum Stehen kommt. Derjenige, der zum Schluss die meisten Nüsse besaß, war der Sieger.

Unser Schulalltag

#römische #Schule #Unterricht
Schulunterricht Grafik: P. Wojsyk / GFFB

Genug mit dem Spielen, jetzt wird gelernt. Wie in jeder anderen Stadt bekommen einige privilegierte Kinder eine Schulbildung. Ich habe Glück und darf in die Schule, da meine Eltern reich sind. Wir fangen im Alter von 7 Jahren an, das Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Die Dauer der Grundschule beträgt mehrere Jahre. Wer nach der Schule weiter unterrichtet wird, lernt Geometrie, Astronomie, Rhetorik (die Kunst der Rede) und Grammatik. Griechisch gehört ebenfalls zu den bedeutenden Fächern im Unterricht. Eine Schulklasse besteht aus etwa 10 bis 12 Schülern. Besonders wohlhabende Eltern, lassen ihre Kinder von einem Hauslehrer unterrichten. Oft handelte es sich um griechische Sklaven mit hoher Bildung, wie in unserer Familie. Die Kinder armer Familien gehen nicht zur Schule, da die Eltern sich die Kosten für den Schulbesuch nicht leisten können. Aus diesem Grund fangen diese Kinder schon in jungen Jahren an zu arbeiten. Das Gleiche gilt auch für die Kinder, die in der Sklaverei geboren wurden.

Mädchen gehen entweder gar nicht oder besuchen lediglich die Grundschule. Es wird erwartet, dass sie lernen, den Haushalt zu managen. Sie schließen im Alter von 11 Jahren die Schule ab und werden fortan auf das Leben als Ehefrau vorbereitet. Mädchen werden oft schon im Alter von 12 Jahren verheiratet. Zum Glück habe ich noch etwas Zeit. Lernen macht so viel Spaß!
In der Regel besteht die Schule aus einem einzigen Raum, der sich beispielsweise im Erdgeschoss eines großen Gebäudes befindet. Ein Vorhang teilt den Raum zur Straßenseite hin ab. Die Schüler sitzen um den Lehrer herum auf Schemeln. Wir schreiben auf eine Wachstafel. Mit einem spitzen Griffel ritzen wir Wörter in das Wachs. Am anderen Ende ist der Griffel flach, sodass wir das Wachs damit wieder glätten können. Vor allem müssen wir Schüler viel auswendig lernen, sei es ganze Texte oder das Einmaleins. Der Lehrer hat sogar das Recht, Schülern mit seinem Stock auf die Finger zu schlagen, wenn diese etwas nicht gleich können. Das kann sehr schmerzhaft sein!!

Vom 19. bis 23. März wird das Fest der Minerva gefeiert. Die Göttin der Weisheit übernimmt auch die Schirmherrschaft für uns Schüler. Somit haben wir an diesen Tagen frei. Im Anschluss daran startete das neue Schuljahr. Nun, da ich Dir alles gesagt und gezeigt habe, was ich über die Schulbildung weiß, möchte ich deine Aufmerksamkeit auf unsere Kleidung richten. Dort gibt es viele Dinge, die berücksichtigt werden müssen. Sieh Dich mal um. Wie schön unsere Stoffe, die Farben und Schnitte unserer Kleidung sind. Einfach nur traumhaft.

Unsere schöne Kleidung

#Römische Kleidung
Foto: ClaudioLombardi / pixabay

Die Tunika ist das gängige Kleidungsstück. Bei uns Frauen reicht sie bis zum Knöchel, bei Männern bis zu den Knien.  Bei uns gibt es keine Hosen. Das gilt als unmöglich, so etwas tragen nur die Barbaren! Ein Gürtel hält die Tunika zusammen. Auch für Soldaten ist das Tragen einer Tunika üblich. Die Tunika ist ein Kleidungsstück, das direkt am Körper getragen wird. Die Ärmel reichen bis zum Ellenbogen, wie du sehen kannst.

Über der Tunika tragen Männer mit römischem Bürgerrecht eine Toga. Es handelt sich um einen echt langen Stoffabschnitt (6 Meter in der Länge und mehr als 2 Meter in der Breite). Es wird auf kunstvolle Weise um den Körper gewickelt. In der Regel hat sie die Farbe weiß. Alleine kann man das nicht anziehen, da braucht man schon Hilfe.
Senatoren (Mitglieder des römischen Senats) und andere Träger höherer Ämter tragen eine Toga mit einem breiten Purpursaum. Auch Jungen tragen bis zu ihrer Volljährigkeit eine solche Toga, allerdings nur mit einem sehr schmalen Streifen. In einem feierlichen Akt wird diese dann abgelegt und die Toga für Erwachsene angezogen.
Über der Tunika tragen Frauen der feinen Gesellschaft eine Stola, eine Art Kleid mit Gürtel. Manchmal wird darüber noch die Palla getragen, ein Umhang, der auch über den Kopf gezogen werden konnte. Denn draußen, als Frau in der Öffentlichkeit und ohne Kopfbedeckung – das ist unhöflich!

An den Füßen tragen wir entweder Sandalen oder geschlossene Schuhe, die Calcei. Schuhe beider Kategorien werden aus Leder hergestellt. Calcei setzen sich aus einer Ledersohle zusammen, auf der sie mit Lederbändern gebunden werden. Calcei werden getragen, wenn man das Haus verlässt.
Zu Hause werden eher offene Schuhe wie Sandalen getragen.
Selbst die Soldaten tragen Sandalen, die Caligae. Die Sohlen aus Leder sind mit Nägeln versehen. 80 bis 90 davon tragen die Sohle, die verstärkt ist und nicht so schnell abnutzt. Sie werden oben verschnürt.
Oje. Kannst Du mich bitte mal einen Moment entschuldigen. Ich muss mal eben eine Toilette aufsuchen. Hast Du auch dieses Bedürfnis?

Unsere Latrinen

# Römisch #Öffentliche Toilette
Öffentliche Toilette, Grafik: MemoryCatcher / pixabay

Hier ist man lustiger Weise nicht allein… Stattdessen geht man auf eine Gemeinschaftstoilette. Dort sind mehrere Sitze entweder rechteckig oder in einer langen Reihe angeordnet. Hier können 10 bis 20 Personen Platz finden, manchmal sogar bis zu 80. Übrigens ist die Nutzung nicht völlig kostenlos. Es ist erforderlich, eine geringe Gebühr zu entrichten. Zudem wird in einigen Nebenstraßen Urin in großen Tongefäßen, den Amphoren, gesammelt, da er zum Gerben von Leder benötigt wird.
Es ist praktisch, dass man nur die Tunika hochheben muss, um sich zu setzen! Wasser strömt unter den Sitzen und spült alles fort. Übrigens sitzen dabei Männer und Frauen nicht getrennt. Aber weil man zusammen sitzt, wird natürlich auch hier viel miteinander geplaudert.

Zuhause gibt es ebenfalls Toiletten – allerdings nur für die Reichen. Solche Toiletten sind in den Villen der Wohlhabenden zu finden. Auch diese haben eine integrierte Wasserspülung. Bewohner eines Mietshauses benutzten die Matella, einen Nachttopf. Sie werden dann in den Latrinen entleert.

Jetzt aber genug mit den Toilettengesprächen. Komm, wir machen etwas Lustiges. Ich möchte Dir noch die eine oder andere Freizeitaktivität zeigen. Neben Brett- und Gesellschaftsspielen spielen wir Römer auch gerne andere Spiele. Zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen gehört der Besuch von Gladiatorenkämpfen, Wagenrennen und Theateraufführungen. Und das alles gibt es gratis! Kannst Du Dir das vorstellen?

Auf in unser Theater

#Amphitheater #Römisch
Amphitheater Foto: Satvik / unsplash

Unser Theater soll viel kleiner als das in Rom sein, hat mein Papa gesagt. Es handelt sich um ein Rundtheater aus der römischen Antike, das typischerweise kein geschlossenes Dach hat. In einer Arena, die rund oder oval gestaltet ist, erhöhen sich die Sitzreihen stufenweise. „Brot und Spiele“ sind für uns römische Bürger von besonderer Bedeutung. Unser Amphitheater ist halbrund, mit Hölzern gebaut und noch nicht so alt.


Einen Theaterbesuch nehmen wir sehr gern wahr. Dort werden unterhaltsame Stücke (Komödien) oder belastende Stücke (Tragödien) aufgeführt. Die Schauspieler tragen Masken, die ihre Charaktere repräsentieren. Weil nur Männer Schauspieler sein durften, übernehmen sie auch die Frauenrollen!

Von den Griechen übernahmen wir das Theaterspiel. Griechische Tragödien und Komödien erfreuen sich großer Beliebtheit, ebenso wie der Mimus (mit gesprochenem Dialog) und der Pantomimus (mit Tanz und Musik). In der Regel beschäftigen sich Komödien mit Verwechslungen, Liebesgeschichten und cleveren Helden. Die Schauspielerei gilt als ein Beruf mit geringem Ansehen, weshalb hier viele Sklaven zusehen sind.

Genauso wie Tierhetzen wurden auch Gladiatorenkämpfe im Amphitheater ausgetragen.  Die Gladiatoren waren Berufskämpfer, die als Sklaven oder Kriegsgefangene nach Rom gelangt waren. Es gab aber auch gelegentlich Meldungen von freien Bürgern und Adligen, die aus eigenem Antrieb an Gladiatorenkämpfen teilnahmen. Häufig war es ihr Ziel, sich in der Gesellschaft einen Namen zu machen und angesehen zu werden. Die Kämpfer wurden in einer Gladiatorenschule ausgebildet, wo sie trainiert und versorgt wurden. Gladiatoren kämpften entweder gegeneinander oder gegen wilde Tiere. Häufig standen zwei Gladiatoren des gleichen Typs gegeneinander im Ring, aber es gab auch Fälle von unterschiedlichen Paarungen. Die Gladiatorenkämpfe folgten strengen Regeln, die ein Schiedsrichter festlegte. Wenn ein Kämpfer am Boden lag und um Aufgabe bat, war es dem Gegner nicht gestattet, ihn anzugreifen. Daraufhin zeigte der Schiedsrichter auf den Statthalter, der praeses, proconsul oder legatus genannt wurde. Dieser sollte bestimmen, wie das weitere Leben des Verlierers sich gestaltete. Meistens orientierte sich er sich an den Ansichten des Publikums.
Bei Tierhetzen wurden oft wilde, exotische Tiere aufeinander gehetzt. So fing man Tiger, Bären, Löwen oder Nashörner und transportierte sie von Afrika oder Indien zum Kolosseum.
Einige Arenen dienten auch als zentrale Schauplätze für öffentliche Hinrichtungen, oft im Rahmen von Spektakeln wie Tierschauen oder als dramatische Darstellungen von Mördern und Kriegsverbrechern. Diese Ereignisse demonstrierten Macht und waren für die Unterhaltung für das Volk gedacht. Diese Veranstaltungen erfolgten meist nachmittags nach den Tierjagden und stellten einen festen Bestandteil der Spiele dar, die oft das Schicksal der Verurteilten besiegelten.

Unser Leben und Handeln auf dem Forum

Lass uns mal nach rechts abbiegen, der Weg führt uns direkt zum Forum. So heißt der Marktplatz. Er ist unser politischer, wirtschaftlicher, religiöser und sozialer Treffpunkt unserer Stadt. So ganz genau wissen wir aber noch nicht, was er mal werden soll. Er ist eine offene und rechteckige Fläche, die von wichtigen Bauten wie Tempeln, Basiliken (Markthallen) und Geschäften, Curiae (Senatssitz) und den Tabernae (Läden) umgeben ist. Die Curiae ist ein Ort für politische Debatten. Dort haben Mitglieder auch über Rechte entschieden.

#Libum #Käsekuchen
Libum /Käsekuchen Foto: Ymon / pixabay

Vom ganzen Herumlaufen bin ich ganz hungrig. Wie wäre es mit etwas auf die Hand? Die meisten Bürger haben in ihren Wohnungen nicht einmal eine Küche, sondern höchstens eine kleine offene Feuerstelle, was oft durch die Bauart zu Bränden führt. Um eine warme Mahlzeit zu genießen, besorgen wir uns daher lieber etwas aus einer der vielen Gasthäusern (caupona) entlang der Straße. Am häufigsten stehen dort Getreidebrei und Kohl auf dem Speiseplan. Auch Linsen, Bohnen und Kichererbsen sind vorhanden, sowie Möhren, Gurken, Salat und Kohl. Manchmal essen wir dazu auch Fleisch. Das Angebot umfasst Fleisch von Schweinen, Ziegen, Rindern, Kaninchen, Gänsen und sogar Haselmäusen. Sie werden speziell gezüchtet und gemästet.
Eine scharfe Fischsoße ist daher sehr beliebt. Sie wird zu allem serviert. Diese würzige Soße verwenden wir nicht nur zu salzigem Essen, sondern sogar zu süßem. Übrigens werden Teller aus Keramik zum Essen verwendet, wobei die Terra Sigillata mit ihren Verzierungen besonders beliebt ist. Möchtest du einmal einen Libum probieren? Das ist ein kleiner, süßer Käsekuchen. Sehr, sehr lecker. Falls ja, HIER ist das Rezept dafür.

Die Hauptmahlzeit nehmen wir gegen Abend ein. Da freue ich mich schon drauf. Das Abendessen, das „cena“ genannt wird, findet im Esszimmer „triclinium“ statt. Oft essen wohlhabende Bürger zusammen mit vielen Gästen. Dazu liegen wir halb auf den großen Sofas, die um den niedrigen Esstisch gruppiert sind. Unsere Finger dienen zum Essen. Die Hände werden zwischen den Gängen in parfümiertem Wasser gewaschen oder mit Servietten abgewischt. Rülpsen ist ein Zeichen von Höflichkeit!
Brot gehört zu den Grundnahrungsmitteln. Der Verbrauch von Mehl ist so hoch, dass Getreide aus fernen Regionen, wie Ägypten, importiert wird. In den Bäckereien wird das Mehl direkt gemahlen, und das Brot wird in runden Öfen gebacken. Als Teil des Frühstücks essen wir morgens Brot, zum Beispiel mit etwas Käse. Der Käse wird in der Regel aus Ziegenmilch hergestellt. Auf dem Weg zur Schule kauften wir Kinder meist etwas in einer Bäckerei. Es wird mit Honig gesüßt. Auch zur Mittagszeit wird ein Stück Brot gereicht, aber es werden auch Feigen, Oliven, Nüsse und Käse serviert.

Rechtsprechung im römischen Reich

Die Rechtsprechung entwickelte sich von ihren sakralen Anfängen über das Zwölftafelgesetz zu einem komplexen System, das von Prätoren und Geschworenengerichten geprägt wurde. Der Zivilprozess war jedoch stark mit Klagen verbunden und Richter sowie Geschworene (iudices) stimmten über Verurteilungen (Condemno) oder Freisprüche (Absolutio) ab. Die Rechtsprechung hatte einen starken Einfluss durch die juristischen Expertise der Patrizier und zeichnete sich durch Berufungsmöglichkeiten (provocatio) sowie die Rolle der Prätoren, die das Verfahren leiteten, aus. Materielle Rechte galten nur, wenn sie klageweise durchsetzbar waren. Oft war das Recht weniger abstrakt, sondern konzentrierte sich auf Einzelfälle und -Verfahren. Zu den bedeutsamen Grundrechten zählten das Stimmrecht sowie das Recht auf Berufung (provocatio ad populum) gegen Todesurteile.

Römische Frauen konnten zwar römische Bürgerrechtsträgerinnen sein, jedoch hatten sie nicht die gleichen Rechte wie Männer. Wählen oder Ämter bekleiden und vor Gericht sprechen durften sie nicht. Das Recht sieht jedoch vor, dass das Eigentum einer Frau vom Eigentum ihres Mannes getrennt gehalten werden sollte (außer der Mitgift) und dass es nach einer Scheidung zurückgefordert werden konnte. Nach römischem Recht war eine Scheidung für beide Parteien einfach zu erreichen, jedoch gehörten alle Kinder des Paares rechtlich dem Vater oder dem nächsten männlichen Verwandten, falls der Vater nicht mehr lebte.

Zur juristischen Ausbildung existierte keine formelle Schule, sondern eine praxisorientierte Lehre bei erfahrenen Juristen (aus Patrizierfamilien), oft durch Privatunterricht. Der Anwärter lernte durch Zuhören, Kommentieren von Edikten und praktische Erfahrungen im Rechtsverkehr (als Anwalt) an Expertise, wobei der Schwerpunkt auf dem Recht des Prätors und später der kaiserlichen Verwaltung lag. Der Weg startete häufig als Anwalt, wobei die Prätoren (hohe Beamte) die Fälle prüften und sie an die zuständigen Richter (oft Geschworene) weiterleiteten.

Gesundheitssystem

Eine zentrale Krankenversicherung existierte nicht. Stattdessen gabt es Lazarette in den Legionen und private Arztpraxen. Wohlhabende Römer wie hatten eigene Sklavenärzte. Private Praxen sowie Hausbesuche waren ohne staatliche Aufsicht üblich. Es existierten auch Fachärzte (z.B. Augenärzte). Das Gesundheitssystem vereinte traditionelle Hausmedizin, militärische Versorgung und einen wachsenden Einfluss griechischer Heilkunst. Es war geprägt von Hygiene durch Bäder, Kräutermedizin, Chirurgie (insbesondere bei Brüchen und Wunden mit speziellen Instrumenten) sowie religiösen Vorstellungen der Götterverehrung. Heilige Götter wie Äskulap wurden hierbei um Hilfe gebeten. Öffentliche Bäder (Thermen) spielten eine zentrale Rolle für Körperpflege und Gesundheit, ergänzt durch Diätetik und Gymnastik. Professionelle Ärzte (oft griechische Sklaven oder Freigelassene) verwendeten Kräuter, Salben und eine frühe Form der Pharmazie. Dioskurides’ „De materia medica“ galt als ein Standardwerk.

Götter, Glaube , Rituale und Kulte

#Römische Götter
#Hera #Zeus
Hera und Zeus
Bild: VIVIANE6276 / pixabay

Als Letztes möchte ich Dir noch kurz noch unseren Glauben etwas näher bringen. Der römische Götterhimmel ist vielfältig und beinhaltet neben den Göttern auch Geisterwesen, Personifikationen, Halbgötter und zahlreiche Ungeheuer. Darüber hinaus kommen zahlreiche Gottheiten hinzu, die in den Provinzen verehrt werden oder deren Verehrung aus den Provinzen in das Römische Reich gelangt. Die Römer haben große Angst, dass ein Gott vergessen werden könnte. Sie verehren die Novensiles, kollektive Gottheiten von dunkler Bedeutung.

Der Kult sieht die Opferung von Tieren, Pflanzen und anderen Dingen vor. Der Ritus muss genau beachtet werden, da jeder Fehler den Zorn der Gottheit hervorrufen würde und nach einem Sühneopfer erneut vollzogen werden muss. Schon ein einziger Schreibfehler im Text genügt, um Gefahren heraufzubeschwören. Auch Weissagungen und Vorzeichen spielten eine bedeutende Rolle. Diese standen teilweise in Verbindung mit den Opfern; so wurde z. B. aus den Organen der geopferten Tiere herausgelesen, ob die Götter ein Vorhaben unterstützen. Auch das Beobachten des Flugverhaltens von Vögeln wird dafür genutzt.

Vielen Dank, dass Du mit mir durch Nida gereist bist. Wir haben vieles zusammen erlebt. Ich habe Dir die Häuser, unser geselliges und abwechslungsreiches Zusammenleben und das politische Geschehen der Stadt gezeigt. Hat Dir unser Ausflug in die Geschichte von Nida gefallen und Deine Neugier auf mehr Greifbares geweckt?

Falls Interessierte mehr erfahren möchten: Das Archaeologisches-Museum Frankfurt steht für Besucher*innen gerne bereit. Noch bis zum April 2026 können Interessierte dort eine Sonderausstellung zum Thema Frankfurts römisches Erbe – Archäologie einer lebendigen Vergangenheit besuchen.
(SF 2026)

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