Ein Stolpern über die Vergangenheit

Ein Stolpern über die Vergangenheit

Kleine, kupfernen Stolpersteine, die auf Frankfurts Fußgängerwegen eingelassen sind, sollen uns nicht wortwörtlich zum Stolpern bringen, sondern uns einen Teil der Geschichte vor Augen führen.

Sie sind im Boden etwa 10 mal 10 Zentimeter groß und bestehen aus einem Betonquader. Auf ihrer Oberseite ist eine gravierte Messingplatte angebracht, die bündig in den Gehweg eingelassen wird. Die Rede ist von den sogenannten Stolpersteinen, die laut dem Institut für Stadtgeschichte auf einzelnen Gehwegen in Frankfurt zu entdecken sind. Diese kleinen Gedenksteine wurden vom deutschen Künstler Gunter Demnig gestaltet, um an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Sie ehren Jüd*innen, Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, politische Gegner*innen sowie weitere Gruppen, die vom damaligen Regime verfolgt wurden.

Die kleinen Steine befinden sich jeweils auf dem Bürgersteig vor dem letzten frei gewählten Wohnort des Opfers. Auf jeder Plakette sind der Name, das Geburtsdatum und das bekannte Schicksal des Opfers eingraviert. Beispielsweise wird angegeben, ob er oder sie deportiert, ermordet, ins Exil geschickt wurde oder überlebt hat.

„Ein Mensch wird erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ (Gunter Demnig)

Gunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren. In den 1990er Jahren initiierte er eine künstlerischen Initiative, um individuell an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Sein Ziel ist es, die Erinnerung an jeden einzelnen Menschen an dem Ort lebendig zu halten, an dem er oder sie gelebt hatte. Er gibt ihnen ihre Identität, ihre Menschlichkeit und ihren Platz im täglichen Leben der Stadt zurück – angesichts einer Geschichte, die versucht hat, sie auszulöschen.

Die ursprüngliche Idee entstand 1991 in Köln. Dort erstellte Demnig zunächst einen farbigen Abdruck, der den Weg markierte, über den die ethnischen Minderheiten der Sinti und Roma aus der Stadt deportiert worden waren. Mit der Zeit verblasste dieser Abdruck und wurde später durch Messingbuchstaben ersetzt.

Während seiner Arbeit wurde ihm bewusst, wie sehr Teile des historischen Gedächtnisses ausgelöscht worden waren. Was zuvor nur ein künstlerisches Konzept gewesen war, wurde somit zur Notwendigkeit. Nachdem er die Zustimmung der Angehörigen erhalten hatte, verlegte er die ersten 25 Stolpersteine – vorerst ohne Genehmigung der lokalen Behörden.

In Österreich wurden im Jahr 1997 die ersten Stolpersteine, die offiziell von der Regierung genehmigt waren, verlegt. Seitdem hat sich das Projekt über die Grenzen Deutschlands hinaus ausgebreitet und wird heute als das größte dezentrale Mahnmal der Welt anerkannt. Das symbolische Stolpern lädt vorbeigehende Menschen ein, einen kurzen Moment innezuhalten, die Inschriften zu lesen und der Vergangenheit zu gedenken.

Der Glanz des Messings lässt den Stein im grauen Pflaster besonders hervorstechen, vor allem nach einer Reinigung oder wenn er mit der Zeit erneut zu strahlen beginnt.

Die Stolpersteine entstehen unter der Regie der Organisation „Stiftung – Spuren – Gunter Demnig“. Jeder einzelne Stein wird in Gunter Demnigs Werkstatt in Frechen mit großer Sorgfalt von Hand gefertigt. Der Künstler selbst überwacht den gesamten Herstellungsprozess und graviert die Steine präzise mit einem speziellen kleinen Werkzeug, ohne industrielle Fertigungsmethoden zu nutzen.
Familienmitglieder, Nachbarschaften, Schulen, Vereine, Kirchengemeinden oder Stadtverwaltungen haben die Möglichkeit, Anträge zur Verlegung der Steine einzureichen. Jede Person kann einen Förderantrag stellen, indem sie der Stiftung einen schriftlichen Kontaktantrag übermittelt. Die Stiftung übernimmt die Koordination der Anträge und führt Vorrecherchen durch. Vor der Verlegung jedes einzelnen Steines erfolgt in Zusammenarbeit mit Stadtarchiven, Gedenkstätten oder lokalen Historikern eine historische Prüfung, um die Daten des Opfers zu verifizieren.

Die Anschaffungskosten für einen einzelnen Stein belaufen sich auf rund 120 Euro. Dieser Preis beinhaltet sämtliche Aufwendungen für Material, Produktion, Verwaltung sowie die Montage. Die finanzielle Verantwortung liegt bei den Antragsteller*innen, wobei die erforderlichen Mittel häufig durch Spendenaktionen oder schulische Projekte bereitgestellt werden.

Eine kleine Zeremonie

In den meisten Fällen hat Demnig die Stolpersteine den eigenen Angaben nach mit einer speziellen Materialmischung in den Bürgersteig eingelassen. Dies geschieht im Rahmen einer kleinen öffentlichen Zeremonie mit einer Verlesung der Namen sowie dem Niederlegen von Blumen und Kerzen.
Es gibt keine Organisation, die sich um die Pflege kümmert; sie erfolgt rein gemeinschaftlich. Nachbarschaften, Schulen oder lokale Vereine reinigen die Steine in der Regel freiwillig, insbesondere an Gedenktagen wie dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Dazu werden milde Reinigungsmittel wie Messingpolitur oder eine Mischung aus Zitrone und Natron verwendet. Einige Städte organisieren dafür „Stolperstein-Reinigungstage”, bei denen Gruppen von Bürger*innen durch die verschiedenen Stadtteile gehen, um die Stolpersteine sauber zu halten. Dies wird als symbolischer Akt der Erinnerung und des Respekts angesehen.

Auch die Stadt Frankfurt bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Die im Jahr 2003 gegründete Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main koordiniert die Verlegung dieser kleinen Pflastersteine in der Stadt. Derzeit gibt es laut ZEIT online mehr als 2.000 Stolpersteine in Frankfurt. Die letzte Enthüllung von neu verlegten Stolpersteinen fand im vergangenen Juni 2026 statt. Weitere Verlegungen sind der Initiative nach in der letzten Oktober-Woche 2026 geplant.

In Frankfurt gibt es eine große Anzahl von Stolpersteinen, weshalb die Stadt zu denjenigen mit den meisten Stolpersteinen zählt. Die Präsenz in vielen Stadtteilen unterstreicht den umfassenden Charakter des Vorhabens. Die Finanzierung wird durch individuelle Patenschaften gewährleistet. Jeder, der eine Patenschaft für einen Stein übernehmen möchte, kann laut der lokalen Website den Stadtteil oder die Gruppe von Opfern angeben, an die er oder sie erinnern möchte.

Die Umsetzung der Verlegung erfolgt in Kooperation mit unterschiedlichen lokalen Institutionen, darunter das Kulturamt der Stadt, das Jüdische Museum, das Institut für Stadtgeschichte sowie Schulen und Kirchengemeinden. Seit 2022 ist die Frankfurt Entsorgung und Service GmbH (FES) den Angaben der Stadtverwaltung nach für die Verlegung zuständig.

Viele Stadtviertel, wie die Altstadt, das Bahnhofsviertel, Bockenheim, Bornheim, Dornbusch, Eschersheim, das Gallusviertel, Heddernheim, Höchst, die Innenstadt, das Nordend, das Ostend, Sachsenhausen und das Westend, bieten die Möglichkeit, in ihren Straßen einen Teil der Geschichte zu entdecken, die im Alltag oft verborgen bleibt. Die meisten, die diese Straßen entlanggehen, tun dies mit der entsprechenden Vorsicht, um nicht auf die Steine zu treten. Zweimal jährlich wird die Pflege vorgenommen. In den Monaten Herbst und Winter, wenn die Bäume mit Schnee oder Laub bedeckt sind, ist besondere Vorsicht geboten, um nicht im wahrsten Sinne des Wortes über die Geschichte zu stolpern.

In Frankfurt wurde der erste Stolperstein zum Gedenken an Karl Altschul im Stadtteil Nordend, Oberweg 56, verlegt.

Aufgrund ihres multikulturellen Charakters sieht sich die Stadt mit der Herausforderung konfrontiert, den Respekt vor den Steinen zu bewahren, Vandalismus zu verhindern und sicherzustellen, dass die aktive Erinnerung nicht so weit normalisiert wird, dass sie unbemerkt bleibt. So begegnet man im urbanen Umfeld nicht selten auch skeptischen Reaktionen, die die Stolpersteine als störend empfinden oder als politische Mitteilung werten. Doch die Initiative betont, dass der Respekt vor den individuellen Schicksalen und die Transparenz des Denkprozesses im Vordergrund stehe. Demnach sollen die Steine kein politisches Statement setzen, sondern eine menschliche, historische Orientierung bieten.

Die Umsetzung dieses Projekts hat viele Menschen auch außerhalb Deutschlands und Europas inspiriert, die Handlungen des eigenen Landes zu untersuchen und somit mehr über die nationale Geschichte zu erfahren.

Zwar ist die Stolperstein-Aktion von Gunter Demnig weitgehend akzeptiert, aber auch nicht frei von Kontroversen. Eines der stärksten Argumente dagegen kommt von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Holocaust-Überlebenden. Wie die tagesschau berichtet, habe Knobloch persönlich mit ansehen müssen, wie SA-Männer Juden bedrängten und mit Füßen traten, dadurch fühlte sie sich durch die Messingtafeln am Boden traumatisch erinnert. Andererseits wird von einigen Unterstützer*innen das entgegengesetzte Argument vorgebracht: Um die Steine lesen zu können, müsse man sich bücken, was symbolisch gesehen eine Art des Respekts darstelle. Seit 2004 ist es in München verboten, derartige Steine an öffentlichen Orten zu verlegen. Es wird damit gerechtfertigt, dass dort eine relativ große jüdische Gemeinde besteht, für die diese Art der Erinnerung schmerzhaft ist.

Auf der offiziellen Website www.stolpersteine.eu ist zu lesen, dass bis heute in über 31 europäischen Ländern mehr als 116.000 Steine verlegt wurden, darunter in Deutschland, Österreich, Polen, Ungarn, Italien, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, der Ukraine und in Spanien.

Wer die Stadt Frankfurt genauer in Augenschein nimmt und nicht nur die geliebte Skyline betrachtet, sollte auch mal einen Blick nach unten werfen. Dort liegt ein Teil der Geschichte, die auch zu uns gehört, direkt vor unseren Füßen. Geschichte findet sich daher nicht nur in eindrucksvollen Monumenten, sondern auch in der einfachen Geste, den eigenen Blick auf den Boden zu richten. Wenn man einen Stolperstein findet, den Namen und die Lebensdaten lesen kann und darüber nachdenkt, wer dort einst gewohnt hat, entsteht eine stille, eindrückliche Begegnung mit der Vergangenheit. Es ist eine Art Gedächtniskultur, die den Alltag nicht von der Geschichte trennt, sondern sie in den Alltag hineinholt. Mit anderen Worten: Oft liegen die Dinge von größter Bedeutung direkt vor unseren Augen. Wie im echten Leben!

Kommentar der Autorin:
Als venezolanische Migrantin mit deutschen Wurzeln, die aus einem Land stammt, in dem die historische Erinnerung aufgrund der Kolonialisierung ebenfalls eine komplexe Rolle spielt, hat mir das Leben in Deutschland ermöglicht, einen Teil meiner Familiengeschichte wiederzuentdecken, den ich nun aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann. Dadurch verstehe ich nicht nur den Ort, an dem ich jetzt lebe, besser, sondern auch die Fäden, die mich mit seiner Geschichte verbinden. Aus dieser persönlichen Perspektive reflektiere ich über die Rolle, die das historische Gedächtnis auch heute noch für unsere Identität spielt. Es wird nicht nur bewahrt, sondern nimmt einen zentralen Platz im kollektiven Denken und in unserem täglichen Handeln ein.


Die Verlegung der Stolpersteine basiert auf einer grundlegenden menschlichen Prämisse: Ein Name, an den man sich erinnert, hält die Würde eines Menschen am Leben. Durch dieses Bekenntnis zur Erinnerung ist es der Gesellschaft möglich, eine Haltung der Verantwortung und Reflexion gegenüber ihrer Vergangenheit zu bewahren. Gleichzeitig stellen diese Steine eine der größten Herausforderungen für die heutige Generation dar. Wie kann man die Erinnerung an die Vergangenheit ehren, ohne die historische Schuld für das Geschehene zu tragen? In diesem Sinne können Projekte wie die Stolpersteine eine Brücke zwischen beiden Räumen schlagen: Sie sind eine respektvolle Erinnerung an die Vergangenheit, die nicht darauf abzielt, zeitgenössische Schuldige zu benennen, sondern die Würde der Opfer anzuerkennen. Sie laden dazu ein, sich zu erinnern, ohne zu vergessen. Sie ermutigen die neuen Generationen, ihre Identität aus Bewusstsein, Lernen und Empathie heraus aufzubauen, nicht aus der emotionalen Last einer Vergangenheit, die niemand wieder erleben möchte. Die Last der Geschichte darf diejenigen, die nicht an ihr beteiligt waren, nicht emotional verurteilen. Sie muss vielmehr ein Anstoß sein, nachzudenken, zu lernen und eine immer humanere Gesellschaft zu werden, in der Werte wie Solidarität und Respekt vor Unterschieden stets vorausgesetzt werden.

Titel-Foto: S. Hoeger / GFFB

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