Der Bundesligist Eintracht Frankfurt setzt sich seit Jahren intensiv mit seiner Zeit vor, während und nach dem Nationalsozialismus auseinander. Die Aufarbeitung mit der eigenen Geschichte und den ehemaligen Funktionären ist noch nicht abgeschlossen. Sechs Personen rücken in den Fokus.
Peter Fischer, von 2000 bis 2024 Präsident des Vereins, heute Ehrenpräsident, war und ist für seine direkte Ansprache bekannt. So zum Beispiel gab der 69-Jährige vor fünf Jahren in einem Audio-Interview für den Deutschlandfunk folgende markanten Worte von sich: „Wer freiwillig in einen Verein eintritt, kann keine Partei wählen, deren Parteispitze den Holocaust leugnet und schwarze Menschen, es ging um farbige deutsche Nationalspieler, nicht als Nachbarn akzeptiert.“ Seine Äußerungen fanden Beachtung. Fünf Jahre später wurde auf der Vereinsversammlung vom neu gewählten Präsidium die entscheidende Änderung der Vereinssatzung vorgeschlagen, die dann mit großer Mehrheit angenommen wurde.
kulturkämpfer in vorderster front
Die Rede ist vom Paragraf 3 Absatz 3 der Vereinssatzung. Der Text ist in seiner Verwaltungssprache nicht für jede Person leicht verständlich, doch für den Club und seine Anhänger bildet er die Grundlage des täglichen Seins.
„Der Verein handelt frei von parteipolitischen, weltanschaulichen und religiösen Bindungen und bekennt sich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung. Er tritt verfassungs-, fremdenfeindlichen, antisemitischen Bestrebungen und Einstellungen sowie jeder Diskriminierung, insbesondere aufgrund der Nationalität, der ethnischen Zugehörigkeit, der Religionszugehörigkeit, des Geschlechts, des Alters, der sexuellen Identität oder einer Behinderung, aktiv entgegen“.
Weitere dieser Satzungen sind inzwischen im Vereinsmuseum zum Bestaunen verewigt. Und genau dort in der Schatzkammer, dem Museum der Eintracht, arbeitet der in Fussball-Deutschland bekannte und beliebte Experte Matthias „Matze“ Thoma, der vom Lifestyle Magazin The Frankfurter liebevoll als „Gralshüter, Lexikon und Fan“ beschrieben wird. Thoma ist der omnipräsente Leiter des Museums in der Mörfelder Landstraße und hat mit seinem Team viel zur Institution beigetragen. Sein besonderes Steckenpferd ist unter anderem die Erinnerungskultur, das soziale Engagement und die vielseitige Geschichte des Clubs. Auch hat er über die Jahre das ein oder andere Buch zu diesem Thema geschrieben. Besonders hervorzuheben ist seine Lektüre Wir waren die Juddebube sowie seine Biografie Sonnys Geschichte des vor drei Jahren verstorbenen jüdischen Zeitzeugen und großen Eintracht-Fans Helmut Sonny Sonneberg. Diese Beiträge haben zur Erinnerungskultur beigetragen und sind beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der Kennedyallee Frankfurts nicht unbemerkt geblieben.
In seiner Rolle als Museumsleiter, und als Schriftsteller, nahm Thoma vor vier Jahren den angesehenen Julius-Hirsch-Preis des DFB entgegen. Dieser steht für Erinnerungskultur und gegen Antisemitismus und achtet dabei stringent auch auf seine jüngste Generation. So ist der Verein in zahlreichen sozialen Initiativen aktiv und ermöglicht es jungen Menschen, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu absolvieren. Das Engagement erstreckt sich über verschiedene Bereiche, von Schulprojekten wie der Eintracht Frankfurt Pausenliga bis hin zum Kampf gegen Rassismus.

Profis besuchen KZ-Gedenkstätte
Laut der im Jahr 2023 von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) durchgeführten Memo-Jugendstudie (Download PDF/3,37 MB), die knapp 4.000 Personen im Alter von 16 bis 25 Jahren befragte, gaben etwa 28 Prozent der Befragten an, noch nie eine Konzentrationslager-Gedenkstätte besucht zu haben, während 43 Prozent zumindest einmal eines der zahlreichen KZ-Gedenkstätten aufgesucht haben. Um diesen ernüchternden Zahlen entgegenzuwirken, besuchte die Eintracht-Mannschaft zusammen mit ihren Trainern und zahlreichen Betreuern vor zwei Jahren die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald in Thüringen. „Dieser Ort spricht eine Sprache, die uns alle sehr bewegt. Es ist unsere Pflicht als Menschen – und insbesondere als öffentliche Persönlichkeiten – nicht zu vergessen, was hier geschehen ist“, sagte der ehemalige Kapitän Kevin Trapp beim Niederlegen eines Kranzes, auf dessen Trauerschleife stand: In Frankfurt wird nichts vergessen!
Aufstieg in den 20er Jahren
Rückblick: In Deutschland waren die 1920er Jahre angebrochen, eine Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die Hoffnungen weckte und Erwartungen schürte. Auch der Fußball blühte auf. In Deutschland hatten die 1920er Jahre begonnen, eine Epoche nach dem Ersten Weltkrieg, die Hoffnungen weckte. Auch im Fußball herrschte Aufschwung. Obwohl es den besten Fußballspielern in Deutschland damals noch nicht möglich war, ihren Lebensunterhalt mit dem Ballsport zu verdienen, waren die Menschen schon immer von Einfallsreichtum und Kreativität geprägt. In Frankfurt entstand ein abenteuerliches Konstrukt, wie die Geschichte der beiden jüdischen Brüder Fritz und Lothar Adler laut dem Onlinemagazin SGE4EVER.de zeigt. Laut Angaben des Klett Verlages (Download PDF/80 KB) entwickelten die Brüder in den 1920er-Jahren das Unternehmen zum größten europäischen Hausschuhunternehmen mit über 3.000 Mitarbeitern und einer täglichen Produktion von etwa 70.000 bis 75.000 Paar Hausschuhe. Der Betrieb exportierte demnach hauptsächlich in die Beneluxstaaten, nach Skandinavien und Großbritannien. In Frankfurt habe sich die Arbeitstätte zum größten Arbeitgeber im Gallus und zum wichtigsten jüdischen Unternehmen entwickelt. Die Firma beschäftigte zudem einen Großteil der Spieler der ersten Mannschaft der Eintracht, und auch deren Gehalt kam von dort. Nur waren die Kicker auf dem Firmengelände so gut wie nie anzutreffen, da sie statt Hausschuhe lieber Fußballschuhe trugen, während sie auf dem Sportplatz kickten. So ergab es sich, dass die Mannschaft des Öfteren den Beinamen „Schlappekicker“ im Namen trug. Ob die anderen Mitarbeiter der Firma den Kollegen diese Art der Bevorzugung neideten, ist nicht überliefert. Gleichwohl war es nicht zuletzt den beiden Mäzenen zu verdanken, durch die der Frankfurter Adler zu nationaler Bekanntheit kam und um die deutsche Meisterschaft mitspielte.

Vom ss-Granden zum Vorstand
Rudolf Gramlich, ehemalige Spieler und Vorstand des Vereins, wurde letztlich nicht mit so viel Anerkennung bedacht. Ihm wurde posthum 2020 die Ehrenpräsidentschaft aberkannt, nachdem die Eintracht das Fritz Bauer-Institut beauftragt hatte, ein Gutachten zu den Vorwürfen seiner NS-Vergangenheit vorzulegen. Demnach war er schon seit 1937 Mitglied der Waffen-SS, ließ sich 1940 auf das Parteibuch der NSDAP vereidigen und auf deren Ideologie einschwören. Nach dem Krieg wurde der ehemalige SS-Untersturmführer noch als „Hauptschuldiger“ bei der amerikanischen Besatzungsmacht geführt. Doch bereits nach zweijähriger Gefangenschaft durfte er seinen Wiedereinstieg in die Gesellschaft feiern. Anschließend trat der Funktionär ein neues Amt beim wieder angemeldeten und entnazifizierten Vereins an, wo er erneut Karriere machte und schlussendlich zum gewählten Vorstand aufstieg.
Reaktivierung der SGE

Der Gegenpart von Gramlich hieß namentlich Emanuel Rothschild – auch ehemaliger Spieler und hoher Funktionär des Vereins mit dem Adler auf der Brust. Er gehörte seit den 1920er Jahren der Eintracht an. Am 5. September 1932 heiratete er die in Mannheim geborene Elisabeth Fanny Groh. Doch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, änderte sich das Leben des Ehepaars Rothschild drastisch, da er Jude war und sie in einer sogenannten „Mischehe“ lebten. Nach der Pogromnacht 1938 wurde er ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, wo er bis Februar 1939 inhaftiert war. Sechs Jahre später war Emanuel Rotschild für die Deportation nach Theresienstadt vorgesehen, zusammen mit dem Eintrachtler Helmut „Sonny“ Sonneberg aus Frankfurt. Rothschild hingegen tauchte unter und war einer der wenigen Juden, die den Krieg in und um Frankfurt im Verborgenen überlebten. Nach dem im Mai 1945 das Kriegsende kam, konnte Rotschild endlich sein Frankfurter Fluchtort verlassen. Am 17. Dezember selbigen Jahres wurde die Auflösung aller Sportvereine aufgrund der Entnazifizierung in die Wege geleitet. Rothschild verlor keine Zeit und beantragte die Lizenzierung der Eintracht als Sportverein. Zur Erinnerung und zu Ehren von Elise und Emanuel Rothschild befindet sich nun seit einem Jahr in der „Neue Mainzer Straße 76“ ein goldener Stolperstein.
auszug aus Einem Brief
Die besondere Liebe zu seinem Verein bewies abschließend ein von Arthur Cahn (PDF zum Download/1,91 MB) verfasster Brief. Der Frankfurter und ehemaliger Spieler und Vorsitzender des Vorgängervereins Frankfurter Kickers war bereits 1925 einer der ersten Ehrenmitglieder des Klubs. In seinem Sterbejahr 1952 schrieb er an seine Vereinskollegen noch folgende poetisch klingende Worte: „Ihr Eintrachtler, lasst Euch nicht zerbrechen, fördert nach wie vor das Wahre, Gute und Schöne, helft der gewillten und befähigten Jugend, die Tradition zu erhalten, und schätzt den Geist und den zähen Willen der Alten und Ältesten, die zum Wiederaufbau stehen, und grüßt mir mein schönes Frankfurt und meine Eintracht.“
Fazit: Die Akteure Fischer, Sonneberg, die Gebrüder Adler, Gramlich, die Rotschilds und Cahn – sie alle sind Menschen, die mit dem Verein Eintracht Frankfurt verbunden sind, jedoch in ihren Handlungen diametral gegenüberstehen. Matthias Thoma, der Leiter des Museums der Eintracht ist hier der verknüpfende Charakter, der alle aufgeführten Personen und ihre Geschichten aufgearbeitet und in mehreren Büchern eine Stimme gegeben hat. Tipp: Ein empfehlenswerter Artikel zu Eintracht Frankfurt ist auf dieser Homepage mit exklusiven Fotos hier abrufbar. (SJa/2026)
Titelbild: Eintracht Museum, Ausstellung NS- Zeit / Foto: DaN /GFFB




