Das Bahnhofsviertel – das Entrée Frankfurts

Frankfurt Hauptbahnhof – Atlas-Skulptur

Das Bahnhofsviertel ist wohl der faszinierendste und schillerndste Stadtteil Frankfurts. Drogenszene, Rotlichtviertel und angesagte Szenetreffs liegen hier dicht beieinander. Einblicke in eine eigene Welt.

Der Frankfurter Hauptbahnhof ist heute mit täglich etwa 500.000 Reisenden, neben dem Hamburger und Münchner Hauptbahnhof der in Deutschland am stärksten frequentierte Fernbahnhof. Straßenbahnen fahren im Minutentakt vor, Taxis warten in langen Schlangen neben dem Haupteingang des Frankfurter Bahnhofsgebäudes. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofsvorplatzes, am Haus mit der Adresse „Am Hauptbahnhof 4“, hängt neben dem Eingang eine bronzene Gedenktafel mit einem bekannten Namen: Oskar Schindler. Dass der deutschmährische Unternehmer, der während der Zeit des Nationalsozialismus mehr als 1200 Juden vor dem Tod bewahrt hatte, hier nach dem Krieg von 1964 bis 1974 wohnte, ist möglicherweise nur wenigen bekannt. Genau dort, im sechsten Obergeschoss des schlichten 50er-Jahre-Baus, schräg gegenüber vom Frankfurter Bahnhof, verbrachte er seine letzten Lebensjahre.

Kontraste der Architektur

Im jetzigen Frankfurter Bahnhofsviertel prallen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier Multkulti-Geschäfte und Gastronomie, Erotik-Läden und Gründerzeithäuser, dahinter die Hochhaus-Silhouette, die über allem herausragt. Dabei war das Bahnhofsviertel nicht immer die Schmuddelecke neben den verglasten Hochhaustürmen. Nachdem der Hauptbahnhof 1888 eröffnet war, wuchsen vor ihm Straßenzüge, die nicht nobler hätten sein können. Die Kaiserstraße als zentrale Achse wurde als prunkvoller Boulevard angelegt. Pompöse Gründerzeithäuser mit Säulen und Erkern schossen wie Pilze aus dem Boden. Im Erdgeschoss lockten elegante Geschäfte, darüber riesige Wohnungen mit Parkett und Stuck für das Bürgertum. Nach insgesamt über 70 Luftangriffe alliierter Bomber seit dem 4. Juni 1940 und dem letzten Nachtangriff vom 13. März 1945, lag die Stadt allerdings in Schutt und Asche. Trotzdem überstanden erstaunlich viele Häuser im Bahnhofsviertel den Zweiten Weltkrieg, ebenso das Empfangsgebäude des Hauptbahnhofs und mit diesem auch die Atlas-Skulptur, die über dem Haupteingang thront.

Frankfurt Hauptbahnhof – Atlas-Skulptur

Die 6,5 Meter hohe und 4,5 Tonnen schwere Figurengruppe mit dem Namen „Atlas, die Erdkugel tragend, unterstützt von Dampf und Elektrizität“, hatte der Schweizer Bildhauer Gustav Herold geschaffen. Die Erdkugel, die von Atlas und einer Figurengruppe getragen wird, hatte nur ein paar „Kratzer“ abbekommen. 2014 ließ die Deutsche Bahn das Kunstwerk für 200.000 Euro restaurieren – quasi als letzten Schliff der 2,4 Millionen Euro teuren Erneuerung des Hauptportals“, weiß die FNP zu berichten.

Blick: Kaiserstraße/ Ecke Moselstraße in Richtung Innenstadt

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das ehemalige Edelviertel zum Problem-Bezirk. Lange Zeit wurde vor Besuchen des Bahnhofsviertels gewarnt. Das Viertel war als Sündenmeile und wegen der hohen Kriminalitätsrate für Familien und Touristen wenig empfehlenswert. Auch heute ist wegen der erhöhten Kriminalitätsrate nicht unbedingt anzuraten, sich in tiefster Nacht im Bahnhofsviertel aufzuhalten. Allerdings hat sich die als eine der größten Rotlichtviertel Europas bekannte Gegend mittlerweile zu einem beliebten Szeneviertel für junge Leute entwickelt. Wer durch das 52 Hektar große Bahnhofsviertel läuft, trifft auf eine Mischung von berüchtigten Kneipen und internationalen Szenerestaurants, Rotlichtmilieu und modernen Kunstausstellungen. Hier begegnen sich ganz normale Menschen, gescheiterte Existenzen, Banker und Touristen aller Nationalitäten. Das macht das Frankfurter Bahnhofsviertel zu einem der spannendsten Deutschlands.

Kontraste der Architektur

Bis heute zeichnet sich der zweitkleinste Stadtteilbezirk im Schatten der Frankfurter Skyline architektonisch durch seine prachtvolle Altbausubstanz der Gründerzeit aus. Die historischen Häuser aus dem 19. Jahrhundert beeindrucken mit reich verzierten Sandsteinfassaden. Viele baufällige Altbauten wurden aufwendig saniert.

Altbausubstanz der Gründerzeit

Ein Beispiel hierfür ist die Kaiserpassage, eine Einkaufspassage, die 1970 unter dem Namen Henninger-Passage eröffnet wurde. Nach vollständiger Modernisierung zwischen den Jahren 2016 bis 2018 wurde sie im Januar 2019 wiedereröffnet. Neben einem großen Supermarkt und anderen kleineren Geschäften befindet sich hier eine Art Stadtteilbüro, die „Rote Treppe“. Sie wird von Oskar Mahler (Künstler, früherer Vorsitzender des Gewerbevereins und Stadtteilkenner) betrieben und dient unter anderem als Anlaufstelle für Bürger, die Interesse daran haben, das Viertel zu gestalten. Gut auch zu wissen, dass Mahler im Keller seines Büros eine öffentlich zugängliche Chronik des Stadtteils erstellt hat. Das offizielle Stadtteilbüro des Stadtplanungsamtes der Stadt befindet sich in der Moselstraße 6a und ist Montag und Dienstag von 14:00 Uhr – 17:00 Uhr, Mittwoch von 16:00-19:00 Uhr und Freitag von 10:00-13:00 Uhr geöffnet.

Stationen in der Geschichte des Bahnhofsviertels

Wolkenkratzer/ Jürgen-Ponto-Platz

Wir blicken 216 Jahre zurück. Bis 1806 begrüßte das Hochgericht auf dem Galgenfeld Reisende, die von Westen nach Frankfurt kamen. Trotz der Richtstätten wandelte sich das Galgenfeld im Laufe der Jahrhunderte zum noblen Wohngebiet am Stadtrand. Der Frankfurter Hauptbahnhof, nach dem das Viertel benannt ist, ersetzte die drei Frankfurter Westbahnhöfe. Am 18. August 1888 um 4:47 Uhr fuhr der aus Hamburg kommende Nachtzug 306 als erste offizielle Verbindung in den Frankfurter Hauptbahnhof ein. Durch die Nähe zum Bahnhof wurde das Viertel zum bevorzugten Standort für Beherbergungsbetriebe. So entstanden im Viertel während des Kaiserreichs zwischen 1890 und 1910 insgesamt 55 Hotels. Zur gleichen Zeit bot die Gegend eine Vielzahl kultureller Ausgehmöglichkeiten.

Blick: Kaiserstraße Richtung Hauptbahnhof

Das Schumanntheater etwa, war eines der bedeutendsten deutschen Varietés. Es wurde von dem aus Wien stammenden Zirkusdirektor Albert Schumann gegründet und nach einer Bauzeit von rund einem Jahr und Baukosten von etwa vier Millionen Mark im Dezember 1905 eröffnet. Im Programm stand jährlich ein Monat Zirkus, ein Monat Operette und zehn Monate Varieté. Es befand sich auf dem Bahnhofsvorplatz und wurde 1944 bei den Luftangriffen auf Frankfurt am Main durch Fliegerbomben zerstört. Nur der Kopfbau blieb erhalten und die dortigen Restaurants wurden bis 1958 durch die amerikanischen Streitkräfte genutzt.

Kontraste der Architektur

Ende des Zweiten Weltkrieges wandelte sich das Viertel durch GIs, Schwarzmarkt und Wiederaufbau. In der Nachkriegszeit hatte hier die deutsche Pelzbranche mit 700 Betrieben ihr Zentrum. Die 70er Jahre  brachten einen Umbruch. Es kam zum Abriss von Gebäuden und der Entstehung von Hochbauten. Zunehmend zogen meist Gastarbeiter ins Bahnhofsviertel. Es siedelte sich eine multikulturelle Stadtgesellschaft an, die unterschiedlichste Ladengeschäfte etablierte. Dennoch sank die Einwohnerzahl laut dem Melderegister der Stadt Frankfurt am Main, Stand 31.12.2005, auf 2447 (Quelle statistik.stadt-frankfurt.de). Am 31.12.2020 allerdings, waren im Bahnhofsviertel laut Melderegister 3.703 Einwohner gemeldet (Quelle statistik.stadt-frankfurt.de).

Sehenswürdigkeiten im und um das Bahnhofsviertel

Altes Polizeipräsidium – Kulturdenkmal, Friedrich-Ebert-Anlage 11, 60327 Frankfurt am Main. Das Waisen-Karussell – Standort Gallus-Anlage (Bahnhofsviertel). Frankfurt (Main) Hauptbahnhof – eröffnet 1888. Gutleutkaserne – Kulturdenkmal, Gutleutstr. 136-138, Baubeginn 1877, Fertigstellung 1879. Herkuleskran – Industriedenkmal am Mainufer, Untermainkai 26, Baujahr ca. 1884.

White Cubes – Unweit des English Theatre

Märchenbrunnen oder Schauspielhausbrunnen – befindet sich an der Untermainanlage neben den Städtischen Bühnen Frankfurt. Der Jugendstilbrunnen wurde im Jahr 1910 fertiggestellt. Olymp von Weimar – Standort Gallus-Anlage. Open Cubes (White Cubes)– Standort Gallus-Anlage. Opfer-Denkmal – Standort Gallus-Anlage, entstanden zwischen 1913/ 1914 – 1920, im Auftrag der Stadt Frankfurt am Main. Eingeweiht zum Gedenken der Gefallenen des 1. Weltkrieges. Schillerdenkmal – Standort Taunusanlage, aufgestellt und enthüllt am 9. Mai 1864. Spiderman-FigurTaunusstraße 34, zu sehen an der Fassade des Gebäudes. Stolpersteine – quadratische, in die Bürgersteige eingelassene Messingtafeln als Gedenksteine für die Opfer des Nationalsozialismus.

Musik und Theater

Neben den zahlreichen Bars, Cafés und Clubs im Bahnhofsviertel in denen Musik- und Tanzveranstaltungen angeboten werden, sind vielleicht folgende Events und Orte besonders zu nennen:

The English Theatre

Bahnhofsviertel Classics – Bahnhofsviertel Classics e.V., Kaiserstraße 48, 60329 Frankfurt am Main, bietet dreimal im Jahr Bürgern die Möglichkeit im und um das Bahnhofsviertel klassische Musik zu hören. Gründer ist der Geiger Laurent Weibel, der mit wechselnden Top-Musikern aus ganz Europa Kammermusik darbietet. Der Eintritt ist frei. CREAM-music, Musikhaus – Pilgerstätte für Musikfans. English Theatre – Gallusanlage 7, 60329 Frankfurt, größtes englischsprachiges Theater auf dem europäischen Festland: Poetry Slams, großartige Theater-Vorführungen, Open Air Veranstaltungen. Ein hervorragendes Kulturhaus mit Theaterbar, mitten im Bahnhofsviertel. Das Theater Landungsbrücken – Gutleutstraße 294, 60327 Frankfurt am Main, wird vom Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main gefördert. Tanzhaus West – Gutleutstraße 294, 60327 Frankfurt am Main, Nachtclub und Veranstaltungsort, bietet u.a. Tanz zu elektronischen Klängen oder mitreißende Live-Konzerte. Eine 1923 erbaute Industrielagerhalle auf dem Gelände der ehemaligen Druckfarbenfabrik „Dr. Carl Milchsack“. Die Reihe „Jazz in der Milchsackfabrik“ für Jazz und improvisierte Musik und die Literaturreihe „Lyrik & Musik“, wird vom Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main gefördert.

Märkte und Feste im Frankfurter Bahnhofsviertel

Blick: Kaisermarkt in Richtung Hauptbahnhof

Kaisermarkt – Kaiserstr. 81 (Kaisersack), 60329 Frankfurt am Main, kleiner Wochenmarkt gegenüber dem Hauptbahnhof. Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag 09:00 bis 19:00 Uhr.

Bahnhofsviertelnacht – 2021 und 2022 wegen CORONA-Pandemie abgesagt.

Erholung

Gallus-Anlage – Die Grünanlage erstreckt sich vom Willy-Brandt-Platz bis zum Taunustor und wird von der Kaiserstraße geteilt. Fläche ca. 1,46 ha, Teil der alten Wallanlagen, entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts („Olymp von Weimar“, „Opfer-Denkmal“, „Open Cubes“, “Waisen-Karussell“).

Blick: Gallus-Anlage Richtung Taunusanlage

Nizza“ – Kurzform von Nizza-Ufer. Ein exotisch, mediterraner Garten. Hier kann man sogar unter Palmen spazieren gehen. Die Parkanlage am Untermainkai (nördliches Mainufer), zwischen Untermain- und Friedensbrücke (etwa 1 km lang), hat eine Fläche von ca. 4,42 ha. Führungen durch das Nizza bietet das Grünflächenamt an. Informationen dazu gibt es unter der Telefonnummer 069 212-30991. Taunusanlage – Die Grünanlage, entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts, grenzt an das Bahnhofsviertel und erstreckt sich vom Taunustor bis zur Alten Oper. Ihre Fläche beträgt 4,26 ha. Sie war ebenfalls Teil der alten Wallanlagen.

Eine Auswahl von Stadtführungen im Bahnhofsviertel

Stadtführungen für Gruppen im Bahnhofsviertel: hier.

Frankfurter Bahnhofsviertel-Tour: hier.

Bahnhofsviertel- Milieu der Kontraste: hier.

Weitere Informationen und Aktuelles auf „FRANKFURT.DE–DAS OFFIZIEELLE STADTPORTAL“.

Video des Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main zum Frankfurter Bahnhofsviertel siehe hier.

Text: mba
Fotos: mba