Duchamp im Frankfurter MMK

Bis Oktober zeigt das Frankfurter Museum für Moderne Kunst die Ausstellung „Marcel Duchamp“. Zu sehen sind 700 Werke aus sechs Jahrzehnten des französischen Wegbereiters des Dadaismus und Surrealismus.

Was ist Kunst? Was macht ein Objekt aus? Was ist ein Subjekt? Diesen und vielen weiteren Fragen geht die Ausstellung „Marcel Duchamp“ im Museum für moderne Kunst (MMK) in der Frankfurter Altstadt, die Anfang April eröffnet wurde und bis zum 03. Oktober geht, nach. Sie ist seit zwei Jahrzehnten die erste umfassende Ausstellung, die Werke aus allen Schaffensphasen des französischen Jahrhundertkünstlers von 1902 bis 1968 zeigt. Zuvor musste die Veranstaltung gleich zwei Mal wegen der Pandemie verschoben werden, doch jetzt können Kunstinteressierte endlich ihren Blick auf die freie Kunst von Marcel Duchamp werfen.

Über den Kleiderhaken gestolpert

„Trébuchet“ / MMK

In allen Räumen des postmodernen Museumsbaus begrüßen derzeit sogenannte Ready-mades des Künstlers die Besucher*innen. Ein Ready-made (engl. für „Fertigware“) oder auch Objet trouvé (franz. für ‚gefundener Gegenstand‘) ist ein Alltags- oder Naturgegenstand, der zum Kunstwerk „gemacht“ wird, indem der*die Künstler*in ihn „findet“ und als Kunstwerk behandelt oder in ein solches integriert. Oder anders ausgedrückt sind Ready-mades sogenannte „[…] industriell gefertigte Konsumprodukte, die allein durch die Wahl und den künstlerischen Zugriff zum Kunstwerk geadelt wurden und Kunstgeschichte geschrieben haben,“ so die Welt. Und niemand kreierte so skurrile Ready-mades wie Duchamp. Beispielsweise befindet sich auf dem Boden eines der Ausstellungsräume des MMKs ein braunes Brett, an dem Kleiderhaken („Trébuchet“) befestigt sind. Über den soll der Künstler in seinem Atelier regelmäßig gestolpert sein. Deshalb nagelte Duchamp das Brett am Boden fest, jetzt ist es Kunst.

700 Arbeiten von 1902 bis 1968

„L.H.O.O.Q.“ / Wiki

Duchamp (1887-1968) wollte Grenzen aufbrechen und hatte sich geweigert, Kunst in gut oder schlecht einzuteilen. Er hatte Kunst machen wollen, die eigentlich keine Kunst ist. So hat er Impressionismus, Dadaismus und Surrealismus gelebt und die Konzeptkunst mit erdacht. Und so vielfältig er war, so oft wechselt auch die Ausstellung im MMK ständig ihr Gesicht, denn der Franzose hat viele verschiedene Arbeiten hinterlassen. Rund 700 davon, aus seinen Schaffensjahren zwischen 1902 bis 1968, werden derzeit im MKK präsentiert. Einerseits chronologisch, andererseits thematisch arbeitet sich die Ausstellung durch seine Werke, beginnend von impressionistischen Gemälden als Jugendlicher, über Karikaturen bis zu den kubistischen Gemälden, darunter eine Version seines berühmten Bildes „Akt, eine Treppe herabsteigend“. Nicht zu vergessen auch seine Mona Lisa, genannt „L.H.O.O.Q.“ Der Reproduktion fügte er mit Bleistift einen Schnauz- sowie einen Spitzbart hinzu. Der Titel „L.H.O.O.Q.“ (französisch buchstabiert: èl ache o o qu) ist ein Wortspiel. Spricht man die Buchstaben französisch aus, ergibt sich daraus der Satz „Elle a chaud au cul“, zu deutsch: „Sie hat einen heißen Hintern“, klärt Wiki auf. Laut Radio France Internationale (RFI), dem Auslandsdienst des öffentlichen Hörfunks in Frankreich, wurde die bärtige Mona Lisa 2017 in Paris für 632.500 Euro versteigert.

Erstes Readymade in der Kunsgeschichte

„Roue de bicyclette“ / Manhattan Arts International

Als Duchamp im Jahr 1913 in seinem Studio das Vorderrad eines Fahrrades in einer geraden Gabel umgekehrt auf einen weiß lackierten Küchenschemel montierte, ahnte er nicht, welche große Bedeutung das „Roue de bicyclette“ (Fahrrad-Rad) einmal in der Kunstgeschichte einnehmen sollte. Was als erstes Ready-made in die Geschichte einging und heute als erste bewegliche Skulptur gilt, war ihm „einfach ein Vergnügen“, wie er sagte: „Es war etwas, das ich in meinem Zimmer haben wollte, wie man ein Feuer hat oder einen Bleistiftanspitzer, außer, dass es keinen Nutzeffekt hatte. Es ist ein angenehmes Gerät, angenehm aufgrund der Bewegungen, die es gab“, wird der Künstler im Booklet des MMKs (PDF-Download, 1,15 MB) zitiert. Im Philadelphia Museum of Art, das die größte zusammenhängende Werksammlung von Marcel Duchamp besitzt, befindet sich eine weitere Nachbildung seines Fahrrad-Rads.

Zum Nachfüllen zur Weinhandlung

„Bottle Rack“ / Wiki

Den berühmten „Bottle Rack“, den Duchamp 1914 im Bazar de l’Hôtel de Ville, einem großen Haushaltswarenkaufhaus im Zentrum von Paris, ursprünglich erwarb, war ein gusseiserner Ständer, ein ringförmiges Trockengestell mit fünf Reihen nach oben zeigender Stifte, was damals und teilweise auch heute noch Bestandteil vieler Haushalte ist. Viele französische Familien benutzten ihre Weinflaschen mehrmals. Waren sie leer getrunken, ließ man die Flaschen auf dem Ständer austrocknen, um sie zum Nachfüllen zur Weinhandlung zu bringen. Duchamp aber wollte mit dem Flaschentrockner keine Flaschen trocknen, er hatte ihn „als bereits fertige Skulptur gekauft“, heißt es im Booklet des MMKs weiter. Über die Vermittlung der Galerie Thaddaeus Ropac fand Marcel Duchamps Flaschentrockner im Jahr 2018 im Art Institute Chicago eine neue Heimat. Seit 1959 befand es sich im Besitz des 2008 verstorbenen US-Pop-Art-Künstlers Robert Rauschenberg. Dessen Foundation beauftragte Ropac 2016 mit dem Verkauf. Der Kaufpreis „dürfte in der Region um die 30 Millionen US-Dollar angesiedelt sein“, schätzt der Standard.

Das Original ging verloren

„Fountain“ / Wiki

Um das Ready-made „Fountain“ (Fontäne) in Form zu bringen, hatte der 30-Jährige Künstler ein Urinal um 90 Grad auf seinen flachen Rücken gedreht und mit der Signatur „R. Mutt“ versehen. Gedacht war diese Arbeit 1917 für die erste Ausstellung der ein Jahr zuvor gegründeten Society of Independent Artists in New York, deren Mitgründer Duchamp war. Das Original ging zwar wenige Zeit später verloren, Für die Kunstgeschichte war das jedoch kein großer Verlust, da Duchamp immer wieder Kopien in verschiedenen Größen anfertigte oder anfertigen ließ. Die Ablehnung der Kunstszene gegen das Pinkelbecken als Objekt war nicht nur damals groß. Im Jahr 2007, also 90 Jahre nach Duchamps modernem Geniestreich, stand Pierre Pinoncelli in Paris vor Gericht. „Der 78-jährige französische Aktionskünstler hatte ein Jahr zuvor versucht, während der „Dada“-Retrospektive des Pariser Centre Pompidou, „La Fontaine“ mit einem Hammer zu zerstören. Schon 1993 attackierte er bei einer Ausstellung in Nîmes das Urinal, indem er es in seiner ursprünglichen Bestimmung nutzte: Er urinierte hinein“, weiß der Spiegel zu berichten. Nun ist „La Fountaine“ zu einer Ikone der modernen Kunst geworden und zu einer Wertanlage der bürgerlichen Kultur – sein Schätzwert liegt bei knapp drei Millionen Euro.

8,9 Millionen Euro für Parfum

Im Jahr 1921 schuf Duchamp ein Parfumflakon mit dem Namen „Belle Haleine – Eau de Voilette“, zu deutsch: Schöner Atem – Schleierwasser. Nach dem Muster des Pariser Parfumeurs Rigaud versah er ein Muster der Marke Un air embaumé mit einem neuen Etikett, heißt es bei Wiki. Über den Schriftzug „Belle Haleine“ klebte er in das Medaillon auf dem Flakon die Verkleinerung von Man Rays Fotografie Rrose Sélavy, und so signierte der Künstler auch die bauchige Originalverpackung. Dieses Ready-made galt lange Zeit als verschollen, tauchte 2009 im Nachlass des international bekannten französischen Modeschöpfers Yves Saint Laurent wieder auf und wurde für 8,9 Millionen Euro beim Londoner Auktionshaus Christie’s versteigert.

Bildquelle: „Belle Haleine – Eau de Voilette“ / Wiki

Schachbrett Sound oder Soundbrett Schach

Zug um Zug: Duchamp und John Cage in Toronto / World Chess Hall of Fame

Auch der zweiten Leidenschaft Duchamps widmet sich das MMK mit einen eigenen Raum und zeigt dort unter anderem seine durch das Schachspiel inspirierten Kunstwerke und geht so auf seine erfolgreiche Schachkarriere ein. Zwischen 1928 und 1933 macht der Künstler eine Schaffenspause und beschäftigte sich hauptsächlich mit dieser großen Leidenschaft. Sein großes Engagement brachte ihm neben zahlreichen Schachtiteln 1931 auch eine Stellung als Delegierter bei der Internationalen Vereinigung der Schachspieler (FIDE) ein, die er sieben Jahre bekleidete. Duchamp hatte seinerzeit mit Co-Autoren sogar ein Fachbuch zum Thema veröffentlicht. Kurz vor seinem Tod entwickelte er zusammen mit dem Komponisten und Musiktheoretiker John Cage das Projekt „Reunion“, bei dem Schachpartien in Musikstücke verwandelt wurden. 1968 in Toronto spielten die beiden gegeneinander und schufen ein Hörerlebnis durch ein speziell konstruiertes Schachbrett, das mit jedem einzelnen Zug unterschiedliche elektronische Kompositionen auslöste. Die Musik ist auf dem Online-Musik-Portal Soundcloud abrufbar. Auch das ist Kunstgenuß. (DE)

Kontakt:
Museum für Moderne Kunst (MMK)
Domstraße 10
60311 Frankfurt am Main
Tel: 069 / 212 304 47
E-Mail: mmk@stadt-frankfurt.de

Kosten:
12 € (ermäßigt 6 €)