Das KZ-Katzbach im Gallus – Die Adlerwerke

Erfahren Sie die Geschichte des Konzentrationslagers Katzbach. Die seit 1880 bestehenden Adlerwerke im Gallus wurden zum Mahnmal der Gräueltaten der Nationalsozialisten in Frankfurt.

In der KZ-Gedenkstätte: Geschichtsort Adlerwerke in Frankfurt am Main wird an das Außenlager des elsässischen KZ-Natzweiler/Struthof erinnert. Das Konzentrationslager wurde am 22.08.1944 eingerichtet und bestand bis März 1945. Am 25.03.2022 eröffnete der „Geschichtsort Adlerwerke: Fabrik, Zwangsarbeit, Konzentrationslager“, mit einem Ausstellungsraum im Erdgeschoss der Adlerwerke, auf 160 Quadratmetern Fläche. Er ist Teil der deutschen Erinnerungskultur.

Die Adlerwerke

Mit der Produktion von Schreibmaschinen, Fahrrädern, Automobilen und Motorrädern schufen die Adlerwerke, ehemalig H. Kleyer AG und heute Adler Real Estate, anfangs jede Menge Arbeitsplätze für die Zivilbevölkerung. Ab dem ersten Weltkrieg wurde die Rüstungsindustrie immer präsenter. Es wurden für die Kriege spezielle Fahrräder für den Fronteinsatz, Lastkraftwagen, Flugzeugmotoren und Teile, Torpedos und Munition, sowie Getriebe für den ersten deutschen Panzer, Maschinen, Fahrgestelle und Motoren für Schützenpanzer für die Wehrmacht hergestellt. Da im Zweiten Weltkrieg die Männer größtenteils an den Fronten kämpften (besonders viele wurden später an die Ostfront geschickt), brauchte es neue Arbeitskräfte. Die Nationalsozialisten schickten zwischen 1941 und 1945 tausende Zwangsarbeiter, sogenannte „Zivilarbeiter”, in die Adlerwerke. Insgesamt 350 weitere Orte waren in Frankfurt durch Zwangsarbeit geprägt. Zwischen 1936 und 1938 wurden außerdem vier jüdischen Unternehmern ihre Gelände enteignet, um das Adlerwerk auszubauen, da Platz für Wohnbarracken gebraucht wurde.

Zeitlinie 1939-1945 Adlerwerke: Geschichtsort Adlerwerke

Die Häftlinge

Ankunft der polnischen Kriegsgefangenen am Bahnhof Ziegenhain

Die überwiegend nach dem Warschauer Aufstand (01.08-02.10.1944) gefangen genommenen 1616 Polen mussten im Lager schwer schuften. Sie waren zwischen 11 und 65 Jahre alt. Darunter waren auch Häftlinge aus Deutschland, Frankreich, Österreich, der Sowjetunion, Jugoslawien und der Tschechoslowakei. Sie kamen über die Konzentrationslager Auschwitz, Dachau, Buchenwald und über das KZ-Außenlager Daimler-Benz in Mannheim-Sandhofen nach Frankfurt am Main. Das KZ Außenlager befand sich in dem 3ten, 4ten und 5ten Stock des Gebäudes Werk I. Ein Häftling kostete die Adlerwerke pro Tag 4 Reichsmark, wovon 80 Pfennig für die Verpflegung abgingen. Das Geld musste an das Stammlager Natzweiler gezahlt werden.

Die Verantwortung

Hauptverantwortlicher Generaldirektor Ernst Hagemeyer war damals Hauptaktionär und die Dresdner Bank zweitgrößter Aktionär der Adlerwerke. Ernst Hagemeyer kam wegen Mangel an Beweisen nach Gerichtsverhandlungen mit einer Strafe von 1000 Deutsche Mark davon. Denn als die US-Armee die Stadt Frankfurt am Main am 28.03.1945 besetzte, war das grausige Zeugnis bereits beseitigt. Als späterer Zeuge hielt er sich als Hauptaktionär und wurde im Nachhinein, am 18.03.1954, sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Er starb 1966.
Die Dresdner Bank war Hausbank der Adlerwerke und war bei der „Arisierung” des Gallusviertels sehr behilflich. Die Dresdner Bank konnte 1996 dazu bewegt werden, den Überlebenden des KZ Katzbach insgesamt 80.000 Deutsche Mark zu überweisen. Sie sah es als „humanitäre Hilfe” und nicht als Entschädigung an. Auch Carl Goetz, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Adlerwerke von 1939 bis 1945, und Dr. Franz Engelmann, Prokurist, Verwaltungsdirektor der Personalabteilung und Abwehrbeauftragter, sind als Mittäter der Adlerwerke zu erwähnen. Die Wachmänner und Lagerführung-SS (Schutzstaffel) sind in hohem Maße für die Gewalt und die Zustände verantwortlich zu machen. Sie gingen alle straffrei aus.

Die Zustände

Zeichnung: Zygmunt Świstak

Der Zustand der Häftlinge im KZ Katzbach war katastrophal und menschenunwürdig. Das Essen war völlig unzureichend, sodass die ohnehin stark geschwächten Körper der Menschen zu Grunde gerichtet wurden. Die Arbeit war schwer und ging von Maschinenbauarbeiten, Schutt wegschaffen und Transportarbeiten, bis zu dem Entschärfen von Bomben. An täglicher Nahrung war ein Brot, 1,5 Kilogramm, für 6 Menschen gedacht und es gab je einen Liter Wassersuppe mit den Resten, wie Kartoffelschalen, Rüben oder Salat, zu essen. Während die SS-Männer bessere Nahrungsmittel, welche für die Häftlinge gedacht waren, selbst aßen. Das konnte auch mal Fleisch, Kaffee, Zucker, Margarine oder Käse sein. Solche Nahrung gab es für die Gefangenen selten. Es gab fensterlose Räume, dünne Bekleidung und keine Möglichkeit zu waschen, weder sich noch die Kleidung. Das Lager war verlaust und es gingen Krankheiten wie Tuberkulose und die Ruhr-Krankheit (eine bakterielle ansteckende Durchfallerkrankung) um. Es gab meist lediglich drei Stunden Schlaf am Tag. Sie arbeiteten 84 Stunden die Woche und in ungeheizten, teils zerstörten Hallen, in die Regenwasser eindrang. Die Arbeiter wurden nicht richtig angelernt, allerhöchstens zwei Wochen, sondern bekamen beispielsweise nur die Maschine erklärt, wo das Werkstück eingespannt wird und welche Maße herauskommen sollten. Häufig gab es durch fehlende Schutzausrüstung und mangelnde Erfahrung Verletzungen bei Arbeiten. Diese Verletzungen, selbst kleine, konnten durch die fehlende Behandlung zu Blutvergiftung und Tod führen. Wurde ein Werkstück oder gar eine Maschine im Einsatz beschädigt, so drohte der Tod durch Erhängen wegen „Sabotage”. Das alles zusammen mit grauenhafter Gewalt, wie Folter, Tritten und Schlägen und der schweren körperlichen Zwangsarbeit, führten letztlich zu einer hohen Sterberate. Durchschnittlich zwölf Häftlinge starben täglich im KZ-Katzbach. Fluchtversuche und grobe Arbeitsfehler wurden mit öffentlicher Hinrichtung bestraft. Zwischen 26.10.1944 und 22.03.1945 starben 524 Häftlinge. Die Todesrate im KZ Katzbach übertraf die aller hessischen KZ-Außenlager.
„Eigentlich ging alles ineinander über; Arbeit, Rückkehr in die Halle, wo wir schliefen, Schlaf – und immer dasselbe – Hunger, Arbeit, Schlaf, keinerlei freie Zeit”, beschreibt Andrzej Branecki, ein damaliger Häftling, die Situation. Um die Menge an Häftlingen überwachen zu können, gab es KZ-Häftlinge, die die Rolle eines Funktionshäftlings übernahmen. Diese schliefen nicht mehr bei den anderen Häftlingen, denn diese sogenannten „Kapos” waren dann in der Lagerverwaltung, oder bewachten selbst ihre Leidensgenossen. „Kapos” hatten für Disziplin zu sorgen und waren angehalten dafür auch Gewalt anzuwenden. Sie hatten einen privilegierten Status, hatten größere Überlebenschancen, mussten jedoch die Befehle der SS befolgen und standen zwischen SS und den Häftlingen. Diese Funktionshäftlinge hatten sich oft bereits in anderen Lagern bewiesen und sind im KZ-Katzbach erst seit Januar 1945 als gewalttätig dokumentiert. Eduard Behring war ein solcher „Kapo” und hob sich hier als besonders gewalttätig hervor. Wenn ein „Kapo” in Ungnade bei der Lagerführung fiel, wurde er meist wieder zurück zu den anderen Häftlingen geschickt. Dort wurde er oft noch in der gleichen Nacht von den Anderen totgeschlagen.

Zeichnungen Zygmunt Świstak

Bei Luftangriffen wurde vielen KZ-Häftlingen der Zugang zu Luftschutzbunkern verwehrt, was zu weiteren Toten durch Bombentreffer führte. Bei Luftalarm wurden die Insassen von den SS-Männern in den Keller getrieben. Dabei ging es den SS-Schergen nicht darum, die Häftlinge zu schützen, sondern sich selbst in Sicherheit zu bringen und gleichzeitig die Häftlinge nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Es waren enge Treppengänge und die Häftlinge wurden mit Schlägen vorangetrieben um den Prozess zu beschleunigen. Danach musste dann der Schutt weggeschafft werden.

Am 23. März 1945 stellten die Adlerwerke die Produktion ein. Am 24.03.1945 sind die verbliebenen Häftlinge auf einen Todesmarsch nach Buchenwald geschickt worden. Danach wurden viele der Überlebenden nach Dachau deportiert.

Die Deportationen
Geschichtsort Adlerwerke

Anfang des März 1945 ist die Produktion in den Adlerwerken durch Bombenangriffe weitgehend lahm gelegt worden. Ca. 500 marschunfähige Häftlinge wurden am 16.03.1945 in einen Güterzug gepfercht, der vom Gallus aus zum KZ Bergen-Belsen fuhr. Der Zug stand jedoch noch drei Tage und Nächte lang bevor er losfuhr. Der Zug war plombiert und die Menschen darin mussten zwischen den Toten und Exkrementen warten. Von diesen Häftlingen überlebten den Transport und das KZ Bergen-Belsen wahrscheinlich nur 8 Menschen. Am 24.03.1945 ist das KZ-Außenlager Katzbach endgültig aufgelöst worden. Ca. 350 Häftlinge sind von der SS entlang der Reichsstraße 40 in das über 120 Km entfernte hessische Hünfeld getrieben worden. Es ging mit Güterwaggons weiter in das KZ Buchenwald. Nach einer weiteren „Evakuierung“ Richtung KZ Dachau wurden schließlich am 29.04.1945 durch die US-Armee knapp 40 dieser überlebenden Häftlinge befreit.

Gegen das Vergessen
Die Namen der Menschen

In der KZ-Gedenkstätte „Geschichtsort Adlerwerke: Fabrik, Zwangsarbeit, Konzentrationslager”, gibt es Dokumente, Fotos, Texte, eine interaktive Karte und Hörstationen, durch die man mehr über die Häftlinge und Zwangsarbeiter, die Todesmärsche und über das KZ-Katzbach erfährt. 111 Menschen überlebten die Lager von 1616 Häftlingen. Darunter ist besonders der Häftling Zygmunt Świstak hervorzuheben. Er dokumentierte unter anderem nachträglich mit Zeichnungen die Zustände im KZ. Er starb am 15.08.2022 in Australien. Der 1901 geborene Arzt Julius Munk versuchte im Lager Menschen zu retten und half dem französischen Widerstand. Er wurde 1944 in das KZ gebracht. Er überlebte das Lager und wurde nach der Auflösung des KZ Katzbach nach Buchenwald gebracht. Dort starb er eine Woche nach der Befreiung des Konzentrationslagers am 18. April 1945 an den Folgen der Strapazen und Typhus. Ihm und allen Ärzten, die während des Nationalsozialismus Menschen halfen, zu Ehren wurde eine Grünanlage auf dem ehemaligen Firmengelände der Adlerwerke benannt.
Bei einem Fluchtversuch aus dem KZ-Katzbach starben der 19-jährige Russe Adam Golub und der 21-jährige Ukrainer Georgij Lebedenko, nach denen heute ein Platz, der Golub-Lebedenko-Platz im Gallusviertel, benannt ist. Sie wurden auf offener Straße erschossen.
Bereits Ende der 1970er Jahre gab es eine Demonstration im Gallusviertel, welche an die KZ-Geschichte erinnerte. Sie endete vor den Adlerwerken und dort wurde eine provisorische Gedenktafel angebracht.


Erst 1994 rückte das KZ Katzbach erstmals durch die Veröffentlichung des Buchs „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten” von Ernst Kaiser und Michael Knorn, das im Campus Verlag erschien, in ein größeres öffentliches Interesse.

Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof gibt es ein Grab von 528 Opfern des KZ Katzbach. Lange wurde das Grab unter dem Namen “Polnische Kriegsgräber” geführt und kaum beachtet, bis der Verein “Leben und Arbeiten in Gallus und Griesheim e. V.” (LAGG) 1993 dort eine Gedenkveranstaltung abhielt. Der Verein “LAGG” sammelt Spenden für die Gedenkstätte “Adlerwerke: Fabrik, Zwangsarbeit, Konzentrationslager”.

Die Historikerin Andrea Rudorff erforschte das KZ Katzbach und schrieb ein interessantes Buch, eine Studie, über dieses: „Katzbach – das KZ in der Stadt. Zwangsarbeit in den Adlerwerken Frankfurt am Main 1944/45“, erschienen im Wallstein Verlag.

Sat.1 stellte am 05.04.2022 einen Beitrag über die Adlerwerke und das KZ-Katzbach zur Verfügung.

Der Geschichtsort Adlerwerke – Fabrik, Zwangsarbeit, Konzentrationslager:

Auf der Online-Präsenz des Geschichtsorts Adlerwerke Fabrik heißt es:

„Was lange als „Arbeitslager“ schön geredet wurde, war eine Mordstätte: Das KZ Katzbach hatte die höchste Sterblichkeit unter den 28 KZ in Hessen, die Todesrate in den Frankfurter Adler-Werken gehörte im Januar 1945 zur höchsten im gesamten KZ-System. Die Täter blieben unbestraft. Die Gedenktafel, die anlässlich des Besuchs von neun Überlebenden 1993 enthüllt wurde, wäre ein Zynismus, wenn der Mordopfer nicht in einer Gedenkstätte am authentischen Ort angemessen gedacht würde. Es wäre auch der richtige Ort, an die Zwangsarbeit, die Judenverfolgung und den Rassismus gegen Polen u. a. im Rahmen der Stadtgeschichte zu erinnern und über den Alltag im Dritten Reich aufzuklären.”

Zitat von Prof. Dr. Wolfgang Benz

Der Geschichtsort Adlerwerke wurde am 25. März 2022 eröffnet und wird vom Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V. betrieben und vom „Förderverein für die Errichtung einer Gedenk- und Bildungsstätte KZ-Katzbach in den Adlerwerken und zur Zwangsarbeit in Frankfurt am Main“ und dem Dezernat Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt a.M. unterstützt. Der Förderverein setzt sich für eine dauerhafte und nachhaltige Erinnerung an die Zwangsarbeit in Frankfurt im Allgemeinen und an die Verbrechen im KZ Katzbach im Besonderen ein. Leiter des Geschichtsorts ist Herr Thomas Altmeyer. Es finden auch Veranstaltungen und Mahngänge im Rahmen des Gedenkens statt. Gedenkaktionen sollen die Aufmerksamkeit auf das immer noch zu wenig beachtete KZ-Katzbach und die Zwangsarbeit in Frankfurt richten. Es fand erst am 4. Mai 2023 um 17:30 Uhr eine Feierabendführung mit anschließendem Vortrag statt.

Wo:
Adlerwerke
Kleyerstraße 17
60326 Frankfurt am Main

Kontakt:
Förderverein für die Errichtung einer Gedenk- und Bildungsstätte
KZ Katzbach in den Adlerwerken und zur Zwangsarbeit in Frankfurt am Main e.V.

Henschelstr. 11
60314 Frankfurt am Main
Tel: 069 40321984
E-Mail: info@kz-katzbach-adlerwerke.de

Quellen:

Geschichtsort Adlerwerke

Förderverein für die Errichtung einer Gedenk- und Bildungsstätte KZ Katzbach in den Adlerwerken und zur Zwangsarbeit in Frankfurt am Main e.V.

Initiative gegen das Vergessen

Besuch der KZ-Gedenkstätte „Geschichtsort Adlerwerke: Fabrik, Zwangsarbeit, Konzentrationslager"

Text: Moritz Hamann

Gefördert aus Mitteln der Stadt und des Jobcenters Frankfurt am Main

  

 

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