k IMG 4828Steigende Mieten, Gentrifizierung und Kapitalismus: Immer mehr Menschen organisieren sich in Initiativen und Projekten und stellen die Frage: Wem gehört die Stadt? 

 

 


Graffitis und Aufkleber mit der Botschaft „Stadt für Alle“ prägen schon seit längerer Zeit unser Stadtbild und sind den meisten Menschen bestimmt schon ins Auge gefallen. Doch was verbirgt sich hinter dieser Aussage, wer steht dahinter und was hat das Ganze mit einem selbst zu tun? 

Schon in den 1960er Jahren beschrieb der Soziologe Henri Lefebvre, das „Recht auf die Stadt“ als ein „Recht auf Nichtausschluss“ in der urbanisierten Gesellschaft als Antwort auf die „Ghettoisierung“ der Großstädte und forderte die kollektive Wiederaneignung städtischen Raums für und durch die vom neoliberalen Kapitalismus an den Rand gedrängten Gruppen. 

Privatisierungen des Wohnungsmarkts, kommerzorientierte Stadtpolitik und Abnahme des staatlich geförderten sozialen Wohnungsbaus führen insbesondere seit der Jahrtausendwende in den meisten Metropolen zur Verdrängung von Menschen durch ständig steigende Mieten.
Besonders in Städten wie München, Frankfurt, Hamburg und Berlin erleben wir steigende Quadratmeterpreise in den Innenstädten und begehrten Ortsteilen, die sich viele Menschen schon lange nicht mehr leisten können,  bzw. Mieten welche oft 60% und mehr des Nettoeinkommens betragen können.

Bei gleichzeitig niedrig bleibenden Löhnen, Bankenrettungen durch Milliarden Steuergeldern, einem wachsenden und politisch gewolltem Niedriglohnsektor und der Steuerflucht vieler Reichen und Konzerne entwickelt sich so die oft als „Aufwertung“ vermarktete Gentrifizierung immer mehr zu einer belastenden Situation, von der viele Millionen Menschen unserer Gesellschaft betroffen sind.
Besonders im Zuge der Weltfinanzkrise 2008/2011 erlebte die (neoliberale) Gentrifizierung einen ungeheuren Schub und seitdem viele Spekulationen am Aktienmarkt eher als Risikogeschäft geführt werden, ist die Investition von großen Gesellschaften, Aktienfonds und Einzelpersonen in „Betongold“ ein klar zu erkennender Trend, welcher die Gesamtsituation weiter verschärft und dringend politisch reguliert werden muss.

k IMG 4876Auch (oder besonders) in Frankfurt erleben die Menschen seit Jahren die „Aufwertung“ ganzer Stadteile, steigende Mieten und Verdrängung: Alleine im Ostend wurde wegen des EZB-Neubaus ein gesamter Stadtteil umgebaut und erneuert und auch das Europaviertel rückt mit attraktiven und oft schwer bezahlbaren Neubauten immer näher in das Gallus. Mit der Folge, daß viele Menschen sich die neuen Mieten nicht mehr leisten können und so in andere Stadtviertel und/oder den Außenbezirken verdrängt werden. Das die aktuelle Wohnungsmarktpolitik den sozialen Wohnungsbau die letzten Jahre auf ein Minimum reduzierte oder in einigen Städten komplett aussetzte, dürfte die Problematik um ein vielfaches verstärken. Sozialer Wohnungsbau bedeutet Eigentum in städtischer Hand und faire bis niedrige Mieten, die sich auch Menschen mit niedrigen Einkommen leisten können und so nicht weiter verdrängt werden. Und genau gegen diese Tendenzen der Verdrängung durch steigende Mieten und der Kommerzialisierung unserer Städte richtet sich die „Stadt für Alle“-Bewegung.

Egal ob in Berlin, Frankfurt, Barcelona, Madrid oder Seattle: Menschen treffen sich in ihrer unmittelbaren Umgebung und organisieren sich mit Unterschriftensammlungen, Protesten und Aktionen, helfen und beraten sich und stellen wieder die Frage, wem denn eigentlich die Stadt gehört und wie sie in Zukunft zusammen leben wollen.
Solidarische Proteste bei Räumungsklagen und kollektive Wohnprojekte entstehen in diesen Initativen genauso wie gemeinsam genutzte Stadtgärten, Kultur- und Repaircafés und konkrete nachbarschaftliche Hilfe.

Durch die „Recht auf Stadt“-Bewegungen wird versucht, wieder Menschen und ihre Lebenswirklichkeit in den Vordergrund zu stellen und kapitalistisches Rendite- und Eigentumsbewusstsein grundlegend zu hinterfragen.

Die Partizipation und Emanzipation der Menschen gegenüber kalter Kapital- und Verwertungslogik, scheint erst am Anfang zu stehen und wird die Städte notgedrungen besonders in den nächsten Jahren vermehrt herausfordern.

Eine Stadt für Alle (Menschen) sollte klares politisches Ziel sein und will (von allen) gestaltet werden.

 

Text & Fotos: StK

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