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Ein noch bis vor wenigen Jahren kaum bekannter Ort Frankfurter Stadtgeschichte ist das sogenannte „KZ-Katzbach“. Es befand sich im Gebäude-Komplex der Frankfurter Adlerwerke im Stadtteil Gallus.

 

 

Die Vorgeschichte:

Die Frankfurter Adlerwerke wurden 1880 Von Heinrich Kleyer (1853-1932) als GmbH gegründet.
In der Anfangszeit des Unternehmens verlegte man sich auf die Produktion von Fahrrädern, dem „Velociped“, einem Hochrad.
Nach Kleyer's Entwürfen fand die Produktion damals in der Maschinenfabrik Spohr und Kramer in Frankfurt-Sachsenhausen statt. Die dort gefertigten Fahrräder, die reißenden Absatz fanden, wurden 1886 unter dem Namen „Adler“ verkauft.
Aufgrund der großen Nachfrage, entstand 1890 in der Höchsterstraße (der heutigen Kleyerstraße) auf einem 18.000 Quadratmeter Gelände eine eigene Firma. Hier wurden neben Fahrrädern auch motorisierte Dreiräder hergestellt.
Nachdem 1895 eine Umwandlung des Unternehmens von einer GmbH in eine Aktiengesellschaft stattfand, trägt das Werk den Namen „Adler-Fahrradwerke vorm. Heinrich Kleyer Aktiengesellschaft“.
1898 stieg die Firma in die Fertigung von Schreibmaschinen ein und schufen mit der „Adler“ die erste Schreibmaschine Deutschlands. Ab 1901 wurden auch Motorräder hergestellt, deren Produktion allerdings 1909 wieder eingestellt wurde. 1902 startete die KFZ Produktion, bis die Adlerwerke zu Beginn des ersten Weltkriegs als Rüstungsbetrieb fungierten.
Mit der Produktion von Nutzfahrzeugen, militärischen Panzerfahrzeugen, Waffen und Munition etc., entwickelten sich die Adlerwerke während des ersten Weltkriegs zu Frankfurts führendem Rüstungsbetrieb.
Schon zu dieser Zeit wurden Kriegsgefangene und dienstverpflichtete Frauen für die Produktion eingesetzt.
Nach dem ersten Weltkrieg begann man mit der Herstellung von Krankenwagen und Lieferwagen, auch die PKW-Produktion, die stark expandierte, wurde bis zum Einstieg in die Kriegsproduktion 1940 wieder aufgenommen. Beliebt waren die Automobile auch aufgrund ihres außergewöhnlichen Designs, das vom bekannten Bauhaus-Architekten Walter Cropius gestaltet wurde.

 

Zwangsarbeit und das Konzentrationslager Katzbach:

Bei Anbruch des Zweiten Weltkriegs begann das Werk mit der Rüstungsproduktion für die Wehrmacht.
Seit 1941 ging man bereits dazu über, französische „zivile“ Zwangsarbeitskräfte und Kriegsgefangene für die Herstellung von Kriegsgerät einzusetzen. 1942 entstand ein Barackenlager in Frankfurt-Griesheim für 2000 russische Kriegsgefangene, die dort unter unmenschlichen Bedingungen lebten und ebenfalls für die Rüstungsproduktion herangezogen wurden.
Ein weiteres „Ausländerlager“ für 120-150 Personen befand sich in der Krifteler Straße 47 im Frankfurter Stadtteil Gallus.
Produziert wurden hauptsächlich Schützenpanzerfahrgestelle, aber unter anderem auch Automatikgetriebe, Getriebe für Panzer, Turbinenflugzeuge, Halbkettenfahrzeuge und Geschosshülsen.
Erst als ein schwerer Luftangriff am 22. März 1944 zu schweren Zerstörungen des Werkes führte, evakuierte man die meisten Produktionszweige – außer der Schützenpanzerfahrgestell- und Motorenfertigung – ins Umland.
Die kriegsbedingte militärische Situation führte dazu, dass den Adlerwerken keine Zwangsarbeiter/innen mehr zugeführt wurden. Daraufhin verlangte die Führung der Adlerwerke vom SS-Wirtschafts-Verwaltungs-Hauptamt ( SS-WVHA ) die Überstellung von KZ-Häftlingen.
Die SS entsprach der Forderung der Adlerwerke und überführte zunächst 200 KZ-Häftlinge aus Buchenwald in das Unternehmen.
Durch diese Kooperation zwischen der SS und dem Werk wurde in den Adlerwerken ein KZ mit dem Decknamen „Katzbach“ errichtet.
Es war ein Außenlager des im besetzten Elsass befindlichen KZ-Natzweiler. Zuständig für das Lager war seit Mitte August 1944 die SS-Lagerverwaltung.
Verantwortlich waren hier Lagerkommandant Erich Franz, sein Stellvertreter Emil Lendzian und der Lagerkoch Martin Weiss.
Auf Seiten der Adlerwerke war der Generaldirektor Ernst Hagemeier, wie auch der Verwaltungsdirektor Dr. Franz Engelmann maßgeblich zuständig für die KZ-Häftlinge.
Mitverantwortlich waren ebenso der Vorstand und der Aufsichtsrat der Adlerwerke, sowie Aktionäre der Dresdner Bank.
Die Struktur des Lagers, das sich im Obergeschoss des südöstlichen Flügels des Hauptwerks befand, wurde aufgeteilt zwischen der SS und der Betriebsleitung. Eine eigene Hilfswachmannschaft zur Unterstützung der SS wurde zudem von den Adlerwerken gestellt.
Die hygienischen Zustände sowie die Arbeitsbedingungen im Lager waren desolat.
Die Unterbringung, Verpflegung und ärztliche Versorgung, der auf engstem Raum eingeschlossenen Häftlinge, folgte der Devise „Vernichtung durch Arbeit“.
Insgesamt waren ca. 1600 Zwangsarbeiter im KZ-Katzbach interniert.
In der siebenmonatigen Lagerzeit vom 22. August 1944 bis zum 24. März 1944 starben mindestens 528 Menschen, von denen die Namen bekannt sind. Von nicht mehr als 50 Menschen ist bekannt, dass sie in dieser Zeitspanne das Lager überlebten.
Ein großer Teil der Häftlinge wurde aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau rekrutiert, die meisten jedoch wurden nach der Niederwerfung des Warschauer Aufstands im August 1944 in das Lager deportiert. Insgesamt waren im Lager acht Nationen vertreten, darunter neben wenigen „Reichsdeutschen“ und Polen auch russische und jüdische Häftlinge.
Am 12. März 1944 zählte das KZ laut der letzten Aufzeichnung noch 874 Häftlinge.
Bevor das KZ-Katzbach im April 1945 von der US-Army befreit wurde, begann die SS-Lagerverwaltung am 13. März 1944 mit der Deportation von 500 kranken und sterbenden Häftlingen nach Bergen-Belsen.
Zusammengepfercht in Güter-Waggons überlebten nur acht Häftlinge den Transport.
Die ungefähr 400 verbliebenen Häftlinge des Lagers wurden in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1944 gezwungen, auf einem „Evakuierungsmarsch“ nach Hünfeld, Landkreis Fulda, zu marschieren.
Mindestens 120 der Häftlinge starben auf diesem Todesmarsch, marschunfähige, entkräftete und kranke Menschen, sowie Flüchtende, wurden von der SS erschossen.
Unter den Tätern befanden sich laut späteren Zeugenaussagen auch SS-Lagerkommandant Erich Franz und SS-Koch Martin Weiss.
Die Überlebenden wurden mit einem Güterzug, von Hünfeld aus, in das KZ-Buchenwald transportiert, und von dort nach Dachau weitergetrieben.
Von den 280 Menschen, die noch in Buchenwald ankamen, erreichten lediglich 40 Häftlinge der Adlerwerke am 27. April 1945 das KZ-Dachau.
Am 29. April 1945 wurde das KZ-Dachau von der US-Army befreit.

 

Nachtrag:

Im Zuge der, - von der amerikanischen Militärregierung- durchgeführten Reorganisation der Ämter und des gesellschaftlichen Lebens, erfolgte keine gründliche Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gräueltaten.
Eine Akte zum Lager Katzbach, die die begangenen Verbrechen im KZ-Außenlager Katzbach hätte belegen können, verschwand spurlos aus einem Panzerschrank der Adlerwerke.

SS-Lagerkommandant Franz, sein Stellvertreter Lendzian und Lagerkoch Weiss, als Haupttäter angeklagt, stritten die ihnen angelasteten Verbrechen ab.
Die Führungsriege der Adlerwerke, Generaldirektor Hagemeier, Verwaltungsdirektor Dr. Engelmann sprachen sich ebenso von jeglicher Schuld frei. Der Vorstand und der Aufsichtsrat der Adlerwerke, sowie die Dresdner Bank, sahen sich gleichfalls nicht in der Pflicht, und lehnten jede Mitverantwortung ab.
Alle Anklagepunkte gegen die Beschuldigten wurden fallengelassen und endeten mit Freisprüchen.
Generaldirektor Hagemeier und Carl Goetz, Aktionär der Dresdner Bank und zugleich Aufsichtsrat- Vorsitzender der Adlerwerke, gingen straffrei aus, und konnten ihre Positionen im Unternehmen alsbald wieder aufnehmen.
Hagemeier wurde zudem wenige Jahre später mit dem Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

Publikationen und Aktionen zum Thema „KZ-Katzbach“:

1994 erscheint das Buch „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten“ von Ernst Kaiser und Michael Knorn. Das Buch, dem ein Schülerprojekt zugrunde liegt, das auf eine Anregung der Autoren zurückzuführen ist, behandelt erstmals ausführlich die Geschichte des KZ-Katzbach.

Ab 2014 starteten mehrjährige „Kunstprojekte zum Gedenken an die Opfer des KZ-Katzbach“.

Als erste Künstlerin begann Margarete Rabow 2014 mit einer Folge von Performances mit der Bezeichnung: „Störungen und Irritationen im öffentlichen Raum“.
rabow-kz-katzbach.de

2015 folgte die Stoffbinden-Installation „Mitten unter uns“ der Künstlerin Stefanie Grohs.
stefaniegrohs.de

Vom 15. Januar bis 10 Februar 2016 fand in Frankfurt im „Haus am Dom“ eine Ausstellung von Margarete Rabow zum Thema „KZ-Katzbach“ statt.
rabow-kz-katzbach.de:Austellung im Haus am Dom

Am 8. Mai 2016 – dem Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht - folgte ein Projekt der beiden Künstler Naneci Yurdagül und Thomas Müller.
Es trägt den Titel „Wider das Vergessen – Gedenken an das KZ-Außenlager in den Adlerwerken in Frankfurt am Main“.
Anhand von Wegweisern, Plakataktionen, Aufklebern und Stickern wird hier, im öffentlichen Raum, auf die Geschichte der Adlerwerke aufmerksam gemacht.

 Weitere Aktionen zu Thema sollen folgen.

 

Gedenkorte zum KZ-Außenlager Katzbach:

 

aaTafelSeit Anfang Mai 1998 befindet sich an der Außenmauer der Adlerwerke eine Gedenktafel für die hier ermordeten Zwangsarbeiter des KZ-Katzbach.

 

 

 

 

 

    

 

aagolupAm 14. März 1998 wird der Golub-Lebedenko-Platz, an der Ecke Lahnstraße/Kriegkstraße im Gallus, eingeweiht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

aaTafel2Der Platz erinnert an zwei KZ-Häftlinge, Adam Golub und Georgij Lebedenko, die bei einem Fluchtversuch aus dem KZ-Katzbach von der SS in aller Öffentlichkeit erschossen wurden.

 

 

 

 

 

 

aaPlatzAm 8. Oktober 2016 wurde eine Grünanlage im Gallus zwischen Kleyer- straße, Schwalbacher Straße und Weil- burger Straße nach Dr. Julius Munk benannt. Die Anlage gedenkt dem jüdischen Arzt Dr. Julius Munk, der, obwohl selbst interniert im KZ-Katzbach, versuchte, dort Menschenleben zu retten.

 

  

Seit 2015 bemüht sich der „Förderverein für die Errichtung einer Gedenk- und Bildungsstätte“ um einen Gedenkort auf dem Gelände der Adlerwerke.

Anfang Dezember 2016 unterstützten Oberbürgermeister Peter Feldmann und Kulturdezernentin Ina Hartwig das Anliegen des Vereins.
Über eine Genehmigung seitens der Stadt Frankfurt wurde allerdings noch nicht entschieden.

 

Text: sey Bilder: kvr