GesundheitsamtZur Zeit des Nationalsozialismus existierten in Frankfurt zwei Internierungslager für Sinti und Roma.  Ein Rundgang für geschichtsinterssierte Frankfurter und Neu-Frankfurter.

 

 

 

 

Hier werden die Stellen der dunklen Geschichte Frankfurts gegen das Vergessen sichtbar.

Zur Zeit des Nationalsozialismus existierten in Frankfurt zwei Internierungslager für Sinti und Roma. Zum einen das Zwangslager Dieselstraße und zum anderen das Zwangslager Kruppstraße. Hier werden die einzelnen Orte der dunklen Geschichte Frankfurts aufgesucht.

 

 

Das Zwangslager Dieselstraße


Vom 1937 bis in das Jahr 1942 bestand in der Dieselstraße eine Sammelstelle für Frankfurter Sinti und Roma Familien. Das Frankfurter Versorgungsamt erließ die Anweisung, dass ab dem 18. August 1937 die damaligen Familien ihren Wohnwagen-Standplatz in der Kruppstraße räumen und in die Dieselstraße verschleppt werden sollten. Dort wurden sie zwanghaft festgesetzt.

Das „Zigeunerlager“ in der Dieselstraße hatte eine Größe von 6.000 m². Die Überwachung der Anlage übernahm die Polizei unter der Leitung von Johannes Himmelheber.

Er und seine Polizeikollegen schikanierten und misshandelten die Lagerinsassen und zogen sie zu Zwangsarbeit heran.

 

Dieselstraße

 

1942 wurde das Gelände an die Firma Matra abgetreten. Der Rüstungskonzern für kriegswichtige Waffenproduktion meldete den alleinigen Anspruch auf das Grundstück an. Mit eigenen Zwangsarbeitern wurden Waffen für den immer mehr aus dem Ruder laufenden Krieg hergestellt. Diese Zwangsarbeiter kamen aus der Sowjetunion, Belgien, Frankreich, Italien und den Niederlanden.

 

Hier die rückseitige Ansicht des Geländes an der Dieselstraße.

  Gelände hinten

 

Eine Tafel neben dem Eingangstor (Dieselstraße 30-40) gedenkt an die inhaftierten Sinti und Roma.

 Tafel Dieselstr    

 

 

Das Zwangslager Kruppstraße

 

Daraufhin beschlossen die Stadt und das Gesundheitsamt, im Frühjahr 1942, die Zwangsverlegung der Zigeunersiedlung von der Dieselstraße auf das Gelände in der Kruppstraße.

Ab Oktober 1942 wurde das Zwangslager Kruppstraße zur Internierung der Sinti und Roma aus Frankfurt und dem hessischen Umland genutzt.

Dort, in der Kruppstraße 100 und 102, wurden in einem umzäunten Gelände bis zu 180 Menschen unter unmenschlichen Bedingungen festgesetzt. Das Lager war kleiner als das in der Dieselstraße. Das Areal hatte eine Fläche von 4.200 m².

Auch hier weist eine Gedenktafel auf das Internierungslager hin. Zu finden ist sie an der U-Bahnstation Kruppstraße, am vorderen Bahnsteig (Borsigallee/Kruppstraße).

 

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Ab dem 09. März 1943 war das Internierungslager Kruppstraße der Ausgangspunkt für die Deportation nach Auschwitz–Birkenau. Etwa 100 Menschen wurden in das Vernichtungslager deportiert und nach ihrer Ankunft ermordet.

 

 

Die Rolle des Versorgungsamtes in der Braubachstraße und der Kriminalpolizeistelle Frankfurt in Zusammenhang mit der Internierung der Sinti und Roma

 

Ebenso wie in der Dieselstraße stand auch in der Kruppstraße ein Wachhaus auf dem umzäunten Gelände. Die Polizeistelle Frankfurt übernahm die Aufsicht, Kontrolle und Maßregelungen der Insassen und die Durchführung der Zwangsmaßnahmen. Lagerleiter war Johannes Himmelheber, der ab 1944 sogar dort wohnte. Das Wachhaus hatte vier Zimmer und bot somit Platz genug.

Das Versorgungsamt bzw. Gesundheitsamt untersuchte die Frankfurter Sinti und Roma im Auftrag der NS-Verfolgungsbehörden. Sie führte die Untersuchten den Zwangslagern Dieselstraße und Kruppstraße zur Internierung zu. Die Statistik der rassisch-biologischen Säuberung ist ernüchternd:

 

- 172 Personen wurden in den „Zigeunerlagern“ interniert.

- 8 Personen wurden zwangssterilisiert.

- 174 Personen wurden nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

- Mindestens 89 Menschen wurden dort getötet.

 

 

Was geschah nach Kriegsende?

 

Der Lagerleiter Johannes Himmelheber blieb nach 1945 bis zu seiner Pensionierung im Polizeidienst.

 

Zwei rasse-biologische Wissenschaftler der NS-Verfolgungsbehörden, Robert Ritter und Eva Justin, wurden im Gesundheitsamt Frankfurt in der Braubachstraße ab 1947 angestellt.

Robert Ritter war in der NS-Zeit Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle. Eva Justin arbeitete unter Robert Ritter. Die Forschungsstelle erarbeitete die Schwerpunkte für die Begutachtung von ca. 30.000 Sinti und Roma im Deutschen Reich. In enger Zusammenarbeit mit der Polizei wurden diese im ganzen Land durchgeführt. Durch ihre entwickelte Ideologie und ihren Gutachten schufen sie die Grundlage für den europaweiten Genozid an Sinti und Roma.

 

Gesundheitsamt

 

In der Braubachstraße 22 hängt eine Gedenktafel an dem ehemaligen Stadtgesundheitsamt.

Bis 1945 hatte Ritter die Leitung der Stelle inne. Nach 1945 wurde er Obermedizinalrat im Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt.

 

All diese Beteiligten wurden weder verfolgt, angeklagt noch belangt.

 

Sämtliche Tafeln wurden nicht von der Stadt Frankfurt am Main zur Erinnerung an die Opfer ins Leben gerufen. Da der Etat für Gedenktafeln schon aufgebraucht war wurden die Tafeln anstandslos gestrichen. Die Gedenktafeln wurden von Frankfurter Bürgern 1994 gestiftet und angebracht.

(m.u.)

 

 

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