Teaser LeserattenVor einigen Jahren stand im Stadtteil Niederrad an der Haupteinkaufsstraße auf einmal über Nacht ein Metall­kasten mit dicken Glastüren, gefüllt mit verschiedenen Büchern.

 

 

 

Viele Passanten blieben stehen und fragten sich: "Was ist das?" Die Verfasserin dieses Artikels war bereits über das neue Projekt informiert, und so kamen wir - Alt und Jung - miteinander ins Gespräch.


Diese "Gläsernen Bücherschränke" sollen den Bürgern in Frankfurt Bildung vermitteln. Das Konzept ist einfach: "Klein aber fein" – eine Selbstbedienungsbibliothek im Miniformat wurde geschaffen. In die wetterfesten Metallkästen passen jeweils einige Hundert verschiedene Bücher, und zumindest das Niederräder Exemplar ist stets bis zum oberen Rand vollgestapelt.

 

Jeder Passant kann sich ein Buch herausnehmen, es nach Belieben zurückbringen und auch eigene Bücher hinzufügen. So unterliegt der Bestand einem regelmäßigen Wechsel.

 

Alle Offenen Bücherschränke sind 365 Tage im Jahr an sieben Wochentagen für 24 Stunden geöffnet. "Einfach ein Buch aussuchen und mitnehmen" ist das Motto.

 

Bücherschrank als Alternative

 

Bücherregal NiederradGerade in Niederrad füllt das Konzept des Bücherschranks eine Lücke: Der alteingesessene Buchladen „Niederräder Bücherstube" hat sein Geschäft geschlossen. Jahrzehntelang konnten die Einwohner dort sämtliche Lektüre kaufen.

 

Als kostenlose Alternative gibt es nur noch die Niederräder Stadtteilbibliothek. Diese liegt nach wie vor ausgelagert am Stadtteilrand. Inzwischen hat die Stadtteilbibliothek Niederrad in den Räumlichkeiten der katholischen Gemeinde ein neues Zuhause bekommen (zentral im Zentrum an der Haupteinkaufsstraße gelegen). Gegenüber der Bibliothek befinden sich die Endhaltestelle der Straßenbahn Linie 15 und eine Bushaltestelle. Für viele Niederräder Bürger, die nicht entlang der Hauptverkehrsstraße und eher in Richtung zum Stadtwald wohnen und diese zwei Verkehrsverbindungen nicht nutzen können, ist jedoch ein Fußmarsch angesagt. Außerdem sind die Öffungszeiten auf dreimal die Woche begrenzt, und wenn man kein schneller Leser ist, ist ein telefonisches Verlängern eher lästig.

 

Historie

 

Es hat bereits Tradition, den öffentlichen Raum zum Ausleihen und Verschenken von Büchern zu nutzen. 1993 kamen zwei amerikanische Künstler auf die ungewöhnliche Idee, in Mainz aus alten Kunstgranit-Schaltkästen eine offene Bibliothek zu konzipieren. Dieses Modell wurde im Laufe der Jahre verfeinert und kopiert, indem zum Beispiel die zwei gegenüberliegenden Türen der Bücherschränke mit einer schweren Stahlkonstruktion stabilisiert und der Schließmechanismus automatisiert wurde.

 

Menschen aller Altersklassen und Nationen kommen leicht ins Gespräch, wenn es um das Begutachten und Auswählen der Lektüre geht. Bis zum heutigen Tag werden die Bücherschränke fast wie ein Stück Kulturgeschichte mit Respekt und Sorgfalt behandelt. Bisher ist bei den Frankfurter Stadtteil-Bücherschränken noch kein Vandalismus gemeldet worden.

 

Die Auswahl der Bücher umfasst Romane, Krimis sowie Sach- und Kinderbücher aus verschiedenen Jahrzehnten, zurück bis zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Auch wer sich ein aktuelles Buch von der Bestsellerliste aus der Buchhandlung kaufen will, kann – mit viel Glück – dieses im Bücherschrank-Angebot finden. Als Alternative finden sich gerade hier besondere, manchmal alte und wertvolle Schnäppchen.

 

Standorte

 

Diese offene Büchertauschbörse hat mittlerweile in Frankfurt Konjunktur und findet sich in immer mehr Stadtteilen. Bereits im November 2009 wurde auf dem Merianplatz in Bornheim der erste Bücherschrank aufgestellt. Darauf folgte der zweite im Oeder Weg, und weitere Stadtteile wie z.B. Niederrad zogen nach. Selbst im Brentanobad in Rödelheim ist einer aufgestellt.

 

Die Stadtteile Ginnheim und Rödelheim suchten nach einer kostengünstigeren Variante und wollten für den Büchertausch alte stillgelegte Telefonzellen nutzen. Da aber keine Erlaubnis der Telekom vorlag und diese abgerissen werden sollten, war das wohl der falsche Weg.

 

Sozialer Nutzen

 

Am Niederräder Bücherschrank machen immer wieder Passanten Halt und stöbern nach einem passenden Buch. Dort kann man ältere Menschen treffen, die ihr Rentnerdasein mit Lesen auffrischen und erfreut bei Büchern aus den Nachkriegsjahren, Reiselektüre sowie Biographien zugreifen. Mütter mit ihren Kindern wühlen im unteren Bereich des Bücherschranks, wo alle Jugend- und Kinderbücher gesammelt sind. Fast immer kommt man ins Gespräch.

 

Wenn man monatlich mit wenig Geld auskommen muss, wie etwa als Empfänger von Arbeitslosengeld II oder mit einer zu kleinen Rente, ist das Ausleihen der Bücher eine kostenlose Möglichkeit, sich selbst Freude zu bereiten. Das Zugreifen auf ein so variables Leseangebot trägt zur Weiterbildung bei und bietet einen Baustein innerhalb strukturierter Wochentage.

 

Auch für Berufstätige ist in dem stets umfangreichen Tauschangebot (Belletristik, Reise, Biographien, Gedichte, Kochbücher etc.) für ein gemütliches Wochenende oft das Richtige dabei. Man kann auch Bücher zum Verschenken aussuchen, einfach Angehörigen oder Freunden eine kleine Freude damit bereiten und im Gegenzug eigene alte Bücher zum Bücherschrank-Inhalt hinzufügen.

 

Ein weiterer Vorteil ist die schnelle Erreichbarkeit des Büchersortiments inmitten der Niederräder Einkaufszone. Ein paar Schritte weiter steht eine Parkbank zum Ausruhen. Ohne weiten Fußweg können vor allem ältere und kranke Menschen beim Einkaufen dort eine Pause einlegen und ihre Bücherauswahl treffen. Ein Buch kann man zudem leicht im Einkaufsbeutel nach Hause bringen. Falls man ein Treffen vereinbart hat oder einen Termin wahrnehmen muss, kann man die Wartezeit mit Schmökern überbrücken.

 

Alle Frankfurter Offenen Bücherschränke bieten mit ihren so verschiedenen Inhalten kulturelle, soziale und sparsame Möglichkeiten.

 

Vergessen Sie einmal die teure Variante in Form von Bücher-Neubestellungen und statten Sie den Bücherschränken beim Spazierengehen oder Einkaufen einen Besuch ab. Je öfter Sie vorbeischauen und stöbern, umso vielfältiger wird das Angebot.

 

Lassen Sie sich überraschen!

 

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