Teaser Paulskirche 150x100Beim Betreten der Frankfurter Paulskirche fällt sofort das riesige Wandbild ins Auge: „Der Zug der Volksvertreter“. Historie und Gegenwart sowie der Sinn des Bildes werden hier eindrucksvoll beschrieben. 

 

  

Das monumentale Wandbild entstand 1989/90 durch den Berliner Maler Johannes Grützke. Niemand konnte bei der Auftragsvergabe im Jahr 1987 vorhersehen, dass während der Entstehung ein neues Kapitel der Nachkriegsgeschichte aufgeschlagen wird, zwei deutsche Staaten ein vereintes Deutschland würde und Berlin sich als alte und neue Hauptstadt beweisen könnte und müsste. Der zylindrische Kern der Wandelhalle, der den Sockel zum großen Saal bildet, sollte zuerst mit einem gegenstandlosen Mosaik versehen werden. Dies fand keine Zustimmung und wurde bis zu einer großangelegten Gesamtsanierung im Jahre 1987 ausgeschrieben. Der Teilnehmerkreis reduzierte sich zunehmend, was auch als Hinweis auf die Problematik eines derartigen Wettbewerbs verstanden werden kann. Die Ausschreibung forderte eine gegenständliche Darstellung und kein Historienbild oder abstrakte Darstellung. Es sollte ein Entwurf gewinnen, der „in angemessener Weise den Ideen- und Ereignisgehalt des Vormärz* und der 48er-Bewegung** künstlerisch erfasst", dies blieb bei den Beteiligten aber fraglich. Lediglich Johannes Grützke konnte mit seinem von ironischen Momenten durchzogenen Entwurf vom Einzug der Volksvertreter in die Paulskirche überzeugen.

 

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Das Gemälde „Ich bin das Volk“

Die 200-köpfige und auf 14 Tafeln verteilte Volksversammlung bildet in einer wirkungssicheren Figurenmalerei eine monumentale Ansicht. Die Volksvertreter in ihren schwarzen und grauen Anzügen, das Defilee der Mühseligen und Beladenen, verbunden mit den Charakteren verschiedenster Art, gehören genauso zum „Trauer- und Würdezug“ wie Bauern, Kinder, Vieh und Weiber. Die Geschichte erscheint als Schauspiel. Die erste manifeste Selbstdarstellung der deutschen Demokratie in der Frankfurter Nationalversammlung hat für alle einen unübersehbaren Symbolwert. Alle politischen Lager, Gegner und Befürworter waren sich über die abstrakte, geistige Wirkung des Bildes im Klaren. Das Pathos der Reden und die Kleinlichkeit der Beschlüsse übersetzt Grützke in den stockenden Bewegungen des Zuges. Der heroische Ausdruck liegt hart neben dem trivialen Detail. Dieser Bilderbogen wirkt theatralisch wie grotesk zugleich.

 

Die Wandelhalle der Paulskirche hat vierzehn gliedernde Pfeiler, ein Kreuzweg ebenso viele. So hat auch das Gemälde 14 Stationen. Es ist ein Zug, kein Bild. Es entstand im noblen Schinkelbau in Berlin-Kreuzberg zwischen 1987 und 1990. Im Jahre 1991 wurde die einzelnen Segmente in der Paulskirche installiert.

 

* Vormärz ist eine nachträglich aufgekommene Bezeichnung für eine Epoche in der deutschen Geschichte, die die Jahre vor der Märzrevolution von 1848/1849 beschreibt. Geographisch beschränkt sich der Begriff dabei auf die Bundesstaaten des auf dem Wiener Kongress 1815 gegründeten Deutschen Bundes.

** Als Deutsche Revolution von 1848/49 – bezogen auf die erste Revolutionsphase des Jahres 1848 auch Märzrevolution – wird das revolutionäre Geschehen bezeichnet, das sich zwischen März 1848 und Juli 1849 im Deutschen Bund ereignete.

 

Bildmaterial:

Bild Paulskirche:.domroemer.de/bildergalerie/ausstellung-paulskirche

Gemälde „Ich bin das Volk“ aus der Broschüre Johannes Grützke Der Zug der Volksvertreter/Paulskirche Frankfurt am Main

Text. hom

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