Teaser2Bunt, sinnlich, reizvoll, Tagträume von Rollenspiel und Begierde, voller Komik und begleitet von hypnotischer Musik. Djurbergs und Bergs Figuren erleben Dramen und der Besucher wird zum Voyeur.

 

 

Am Anfang des Rundgangs empfangen den Besucher Dutzende von skurrilen Vogelfiguren in allen Größen, Farben und Posen, kreiert aus bemalter Leinwand, Draht und Ton. Im Hintergrund an den Wänden laufen Stop-Motion-Videos, überall im Raum sind die Synthesizer-Sounds von Hans Berg zu hören. Sofort ist man in einer anderen Welt. Es ist eine Reise ins Innere des Menschen, in seine Träume und Erinnerungen, atmosphärisch verdichtet bis an die Grenze des Erträglichen. Das Zusammenspiel von Skulptur, suggestiven Bildwelten und hypnotischer Musik erzeugt einen Sog, dem sich der Betrachter kaum entziehen kann.

 

Der Film „I wasn’t made to play the son“ bietet schon mehr: Verstörung. Zwei Wesen mit venezianischen Masken Massaker MG 2476massakrieren eine am Boden liegende nackte Frau, ihre üppigen Formen werden aufgeschlitzt, die Knete spritzt gelb, grün oder rot aus dem geschundenen Körper. Schon fast woll­lüstig zelebriert hier Nathalie Djurberg einen Muttermord als Farbspektakel – und man ist überwältigt von der Visual­isierung der Aggressionen. Es ist ein einzigartiges Werk, welches die Schweden Nathalie Djurberg und ihr Partner Hans Berg geschaffen haben. Bild und Ton entstehen gleichzeitig im Arbeitsprozess. Die Kombi­nation aus ruckeligem Stop-Motion-Film, knalligen Farben, schrillen Figuren und abgründigen Themen begeisterte auch den britischen Guardian: „Die bizarrsten Knet-Animationen der Welt“. Für den SPIEGEL "eine Geisterbahn durch die Gegenwart".

 

 MG 2465Selten wird das Werk der Schweden so umfassend gezeigt wie jetzt in der Frankfurter Schirn (bis 26.Mai 2019) in Zusammenarbeit mit dem Stockholmer Moderna Museet und mit dem Mart-Museum in Rovereto. Zu sehen sind 40 Arbeiten aus 15 Jahren Schaffenszeit. Es sind absurde, erschreckende, teilweise auch befremdliche Arbeiten.

Das Medium der Knetmasse ermöglicht Fehlverhalten in bizarren Facetten aufzuzeigen, heißt es in einem Erklärtext. Das spielerische Medium aus der Kinderstube und die animierte Szene stehen im harten Kontrast. In vielen Werken von Djur­berg und Berg wird die Tier­welt vermensch­licht, ein Mittel zur Darstel­lung mensch­li­cher Bruta­li­tät und Bestia­li­tät, das man auch aus Fabeln oder Märchen kennt. Hier kann sich der Besucher an den eigenen Abgründen laben.

Im Filmraum in der Rotunde sind Werke aus den Jahren 2004-2012 zu sehen. Anfänglich poetisch heitere Welten verwandeln sich in Szenen von Gewalt und Unterwerfung, in denen die Opfer auch mal zum Henker werden. Die Filme sind zwischen drei und zehn Minuten lang. Bei der Produktion wurden sie von Hans Berg kongenial wie meisterhaft vertont – die Musik erweitert das Geschehen im Film, ist mal tieftönend treibend, mal verspielt, mal assoziierend.

Ein Catwalk vor einer Jury von Klerikern und Zuhälter-Typen entwickelt sich zu einem Posing von Camgirls. Die Knetfiguren sabbern, stechen, niedliche Sternensinger werden zu Kreaturen wie aus den Albträumen von Pieter Bruegel und Hieronymus Bosch. GrößeH MG 2504Doch auch die Freude an Brüsten mit Körb­chengröße H wie an Grimassenschnei­derei ist offensichtlich. Es ist beein­druckend, mit welcher Hingabe und Detailverliebtheit Djurberg ihrem Spieltrieb Lauf gelassen hat. Es geht hier nicht um Politik, sondern um das wilde Gebaren der Natur. Der Verzehr des anderen ist nicht mehr und nicht weniger als ein Akt der Assimilation.

 

In der begehbaren Skulptur „Potato“ sind düstere Filme zu sehen. In allen tauchen Traumata und Übergriffe, abweichendes und zwanghaftes Verhalten immer wieder auf. In einem erdrückt eine adipöse Mutter ihre sie pflegende Tochter mit ihren Fettwülsten, in „It’s the mother“ beschließen Kinder, wieder an ihren Ursprung vor der Geburt zurückzukehren und entern kurzerhand mit Gewalt den Körper ihrer Mutter zurück.

 

Im nächsten Raum Richtung Römer steht „The Experiment“ – eine Installation, die dem Künstlerduo 2009 auf der Biennale in Venedig eine Schirn Richtung Römer MG 2514Auszeichnung mit dem Silbernen Bären beschert hat. Hinter großen Phan­tasiepflanzen aus Pappmaché laufen drei Filme: In „Greed“ belästigen drei mit Ring, Weihrauch und purpurnen Mänteln bewehrte Kleriker junge Mädchen, die sich sprichwörtlich umkrempeln müssen, um es ihren Peinigern recht zu machen. Das erscheint dem Betrachter angesichts der Vatikankonferenz zum Missbrauch brennend aktuell, ist aber schon zehn Jahre alt. In „Forest“ vergnügt sich ein Paar mit Sex im Wald und wird sein Opfer: Pflanzen und Wurzeln spielen plötzlich ihr Spiel mit. In „Cave“ beginnt ein Körper sein Eigenleben auszuleben, verletzt sich selbst, Täter und Opfer gefangen in einer Körperhülle.

Bei allem widersteht die Künstlerin einer Verlockung: Nie ist ein sexueller Akt per se zu sehen, Penetrationen und Erektionen bleiben angedeutet und damit wieder eine Phantasie für die Knetmasse unseres Hirns.

Zurück entlang aller erwähnten Exponate Richtung Dom. “Delights of an Undirected mind“ zeigt ein Kinderzimmer. Hier werden Kuscheltiere zu Kreaturen, die eine erotische Tierschau bilden. Kinderalbträume finden hier bei Djurberg ihre Gestalt, eindrucksvoller aber sind die Gedanken einer gebärenden Mutter bei „Snake with a mouth, Sewn shut or This is a Celebration“. In einem klaustrophobisch engem Zimmer ist ein wimmerndes Baby zu sehen und als Kontrast berichten Texte von Geburtsschmerz- und trauma.

 

Ruhiger und statischer geht es zu bei „Deceiving Looks, Open Window“: Eine Gruppe feiernder Tiere sitzt an einem mit fettigem Essen bedeckten Tischszene MG 2574Tisch, Zigarettenstummel und umgekippte Becher erzählen vom großen Fressen. Gleich nebenan sind erste Virtual Reality-Arbeiten zu sehen (leider nicht vormittags, sondern Dienstag und Freitag 13-17 Uhr, Mittwoch 14-20 Uhr, Donnerstag 14-19 Uhr und am Wochenende 11-17 Uhr). Mit Kohle­zeichnungen begann Djurberg ihr inneres Universum zu bebildern, dann kamen die Knetfiguren dazu, mühsam gescannt und animiert. Die immateriellen und virtuellen Bilder sind also kein Gegensatz zu den realen Knetfiguren,sondern bieten dem Betrachter eine Erfahrung, die Tagträumen gleicht, in denen man seinen Gefühlen und Impulsen oft näher kommt als sonst in der Realität. 

Im letzten Raum kurz vor dem Dom gibt es drei unterschiedliche Werke zu sehen: In „Worship“ zitieren die Knetfiguren den sexuell aufgeladenen Habitus und die Choreografie von Hip-Hop und Rap-Videos. Es wird getwerkt (aufreizendes Schütteln und Zucken des Hinterteils), auf riesigen Bananen getanzt und gerutscht während Milch ins Bild spritzt…

Fast von den Brüdern Grimm inspiriert mutet „Dark side of the moon“ an: Hier erleben drei Figuren, ein Meteorit, ein Schwein und ein kiffender Wolf, die Versuchung, in eine geheimnisvolle Waldhütte zu gelangen, deren Versprechen ein „Schatz“ ist, aber auch „Vertraulich“, „Geheim“ und „Überraschung“.

Eine kindliche Besucherin stört sich offensichtlich nicht an dem teils brutalen wie anzüglichem Treiben in den Filmen. Für sie sehen die Figuren lustig aus und diese machen lustige Sachen - wer weiß schon, was Kinder phantasieren, wenn sie Knete malträtieren oder ihre Puppen verdreschen? Oder sich bei TV-Folgen von „Tom & Jerry“ oder „Die Simpsons“ lautlachend amüsieren, während dort viele Spielarten zu sehen sind, wie Gegner in ihre Bestandteile zerlegt werden können. Gut wie böse sind sie alle dabei, liebenswert bestialisch. Der Hinweis, dass einige Bilder auf die Besucher verstörend wirken könnten, ist wohl dem Jugendschutzgesetz gehuldigt.

Höhepunkt und im Schirn-Trailer wie allen TV-Rezensionen zu sehen ist „One need not to be a House, Brain has Corridors“: ein Abbild sich auflösender Erinnerungen mit Figuren aus früheren Djurberg-Filmen. Darsteller sind Latex-Machos, BlingBling-Dealer, Flügel-Ponys, ein rauchender Alligator, eine mit ihren Reizen kokettierende Kuh als Prostituierte. Sie alle begegnen den Betrachtern im Labyrinth von Gängen, die in ihrer Ausstattung die Anmutung eines Bordells haben. Der Soundtrack dazu nimmt in jeder Sekunde gefangen. Ein würdiger Abschied aus dieser Welt von Phantasie, Knetmasse und flirrender Musik.  

Zur Ausstellung „A Journey through Mud and Confusion with Small Glimpses of Air” sprechen am Dienstag, dem 14. Mai 2019, 19 Uhr, die Künst­ler Natha­lie Djur­berg und Hans Berg mit Kura­to­rin Katha­rina Dohm über ihre jüngs­ten Arbei­ten und den Schritt zu Virtual Reality. Die Öffnungszeiten der Ausstellung sind Dienstag, Freitag bis Sonntag 10-19 Uhr und Mittwoch und Donnerstag 10-22 Uhr. Der Eintritt mit dem Kulturpass oder dem Frankfurt-Pass beträgt einen Euro.

 

Text: rub

Photos: pet

(März-Mai 2019)

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