tinyBE – living in a sculpture

Im Metzler-Park, hinter dem Museum für Angewandte Kunst, sind zurzeit im Rahmen einer außergewöhnlichen Ausstellung noch bis zum 26. September bewohnbare Skulpturen zu besichtigen.

 

 

The Embassy of Refugee, 2021 und Sparta Hut, 2016/2021

Dies ist allerdings nur ein Teil eines Gesamtprojekts, das sich auch auf die involvierten Partnerstädte Darmstadt und Wiesbaden erstreckt, in denen weitere Objekte gezeigt werden. Die Schau von regionaler Reichweite kreist um die Bewusstmachung und das Hinterfragen der modernen Einstellung zum Leben und zum Wohnen. Auf einer allgemeinen Ebene führt diese Auseinandersetzung zur einer grundsätzlichen Thematisierung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur.

 

 

tinyBE extend vista 3,5°, 2021

Mit dem künstlerischen Aspekt der Ausstellung ist der ökologische verbunden. Die ausgestellten Objekte sollen die Besucher dazu einladen, (neu) über das Leben nachzudenken. Die Skulpturen sind tagsüber für Besucher frei zugänglich und man kann in ihnen sogar übernachten. Freilich ist der stolze Preis (364 Euro!) nicht gerade einladend, aber die bloße Idee regt sicherlich zum Nachdenken und zur Diskussion an. Zum Konzept der Ausstellung gehört die rege Beteiligung des Publikums und dient zusätzlich der Finanzierung des Projekts.

 

Black Stove 3, 2014 und Remnant Memorial, 2021

Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel und Wohnungsknappheit sollen in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden. Auch die in letzter Zeit entfachte Debatte über neue Wohnformen (tiny houses) und eine auf Ressourcenschonung und bewussten Verzicht ausgerichtete und eine „neue Bescheidenheit“ propagierende Lebensauffassung soll thematisiert und unterstützt werden. Es gibt einige verbindliche Vorgaben für die aufgebauten und präsentierten Objekte: Anwendung nachhaltiger Materialien und eine maximale Größe von 30 qm. Ein Rahmenprogramm mit Führungen, Vorträgen, Podiumsdiskussionen und künstlerischen Darbietungen soll die Gesamtschau ergänzen.

 

MY-CO SPACE, 2021

Wie ein Schuppentier windet sich im Park eine Skulptur aus Sperrholz (MY-CO SPACE, 2021), deren Einzelteile von einem Myzel als Klebesubstanz zusammengehalten werden. Am ehesten an ein bewohnbares Häuschen erinnert die Arbeit aus Holz von Thomas Schütte Sparta Hut, 2016/2021. Mit einem klaren, geometrischen Design soll sie die romantisch gefärbte Vorstellung von einem einfachen, „spartanischen“ Leben im Einklang mit der Natur evozieren. Mia Eve Rollow & Caleb Duarte (The Embassy of Refugee, 2021) thematisieren mit ihrem Zelt die Bewegung der Migrationsströme, die derzeit die Welt durchziehen und die Vorläufigkeit der Behausungen der betroffenen Menschen. Christian Jankowski hat eine Wohnskulptur (Bodybuilding (Mies van der Rohe, 2021) aus Betonguss kreiert, die an Mies van der Rohe – einen der „Väter“ der modernen Architektur – erinnert. Im Querschnitt der Wand wird sein Profil sichtbar.

 

Boob Hills Burrows, 2021

Das aus diversen gebrauchten Materialien und scheinbar aus Treibgut gezimmertes – auf Stelzen aufgebautes – Häuschen von Terence Koh (spiral home, 2021) soll eine spirituelle Einheit von Mensch und Natur symbolisieren. Es erinnert aber eher an eine hilflose Robinsonade aus Kindertagen und vermag nicht zu überzeugen. Auch die zwei Erdhügel von Laure Prouvost (Boob Hills Burrows, 2021), die als Erdbrüste an die Mutter Erde als nährende Quelle des Lebens gemahnen sollen, wirken arg überinterpretiert.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die deklarierten  Themen der Ausstellung – Nachhaltigkeit, Klimawandel und neue Wohnformen – hinter dem Selbstdarstellungswillen der beteiligten Künstler

Serie E, 4 drehbare Flächen, 1968/2021

zurückstehen und die Deutung der Objekte sich in einer nonchalanter Beliebigkeit erschöpft. Die Resonanz beim Publikum war zur Zeit des Ausstellungsbesuchs verhalten und es bleibt fraglich, ob die selbst gesteckten Ziele erreicht werden konnten. Die groß angekündigte Schau vermag nicht zu überzeugen und ist zwar ein nettes Event – eine kleine Abwechslung für zufällige Spaziergänger – bleibt aber letztendlich eine Luftnummer ohne ernsthafte und bedeutende Konsequenzen. Sie lässt den aufmerksamen Besucher in einer hilflosen Ratlosigkeit zurück.

 

Text: pis

Fotos: gti, pis

September 2021

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