05 TeaserDer 1954 in Brandenburg geborene Künstler siedelte 1984 in die damalige BRD über. In seinem 100 m² großen Atelier sammeln sich die Arbeiten aus vier Jahrzehnten seines Schaffens.

 

  

Das Thema Migration durchzieht seine Werke. Ein besonderes pädagogisches Anliegen ist ihm die Vermittlung von Kunst an Jugendliche. Wir hatten die Gelegenheit mit dem Künstler ein Gespräch zu führen:


Herr Reinecke, Sie haben 2001 das Atelier besetzt und seit 2006 eine offizielle Nutzungsgenehmigung. Wie ist denn der Stand jetzt?
"Anfänglich hatten wir weder einen Wasseranschluss noch Elektrizität (lacht). Jetzt gibt es einen Bebauungsplan für das gesamte Gelände Teves Ost. Das kulturell genutzte Gelände auf dem wir uns befinden, Teves West, bleibt ausgenommen. Die hier ansässigen drei Ateliers, das Güneş Theater und das Boxcamp können bleiben. Rundherum soll Wohnraum entstehen, unter anderem ein Studentenwohnheim. Wir haben einige Auflagen und arbeiten daher sehr eng mit dem Stadtteil zusammen. Ich persönlich habe engen Kontakt zur Paul-Hindemith-Schule, arbeite mit dem Deutschen Architektur Museum und dem Kulturdezernat zusammen. Das bedeutet, dass ich circa ein Fünftel meiner Zeit diesen Projekten widme. Die restliche Zeit und Ressourcen fließen in meine eigene Arbeit. Meine bisherigen Projekte und über meine Ideenfindung und Wirken kann man sich auch online beim Institut für Arbeit und Technik/Raumunternehmen informieren."


Würden Sie uns Ihren Werdegang schildern?
"Ich studierte Kunsterziehung in Erfurt und anschließend Bildhauerei und Malerei an der Hochschule der Bildenden Künste in Dresden. Danach war ich in meinem eigenen Atelier 01 MG 1402freischaffender Künstler, ebenfalls in Dresden. 1984 verließ ich die DDR. In meiner zwölfjährigen Tätigkeit am Stadttheater Heidelberg war ich Bühnen­maler, Werkstättenkoordinator, arbeitete in der Mediaarbeit, Regie, Performances und Installationen. 1997 begann ich mein Projekt „Trixel-Planet“ und beschäftigte mich mit Spuren menschlicher Wan­derung. Innerhalb dieses Projekts gab es die Zusammenarbeit mit der „sozialen Stadt Gallus“. Diese Arbeit ging dann bis vor, so naja, ungefähr fünf Jahren. Mein Themenschwerpunkt war aus welchen Ländern die Menschen ins Gallus zugewandert sind. Innerhalb dieses Projektes wollte ich die Frankenallee zum Äquator und den Grünstreifen zur Weltkarte machen (2004 gewann er damit den Wettbewerb der Stadt Frankfurt für ein „Denkmal für Gastarbeiter“, Anm. der Redaktion). Leider war der Gewerbeverein im Gallus dagegen. Ich bin viel gereist und suchte nach dreidimensionalen Spuren der menschlichen Wan­derung. Zum Beispiel die Vertiefung in der Marmorsäule unter dem Portico de la Gloria in Santiago de Compostela, wo es zum Ritual der Pilger auf dem Jakobsweg gehört, seine Hand auf die Säule zu drücken, wodurch die Vertiefung entstanden ist."


In Ihrem Blog schreiben Sie „Ihr inneres Bild schwenkt nach außen“. Wie können wir das verstehen?
"Es sind meine inneren Bilder, meine Erinnerungen, die sich in meinem „Väter Projekt“ manifestieren. In einem meiner Werke habe ich in gewisser Weise meinen Großvater und Vater sich in einem Raster begegnen lassen und dann zersplittert. Jeder Splitter, beziehungsweise jede Scherbe hat 03 MG 1397dann ein Bett aus Schellack und Tusche bekommen und ich zeichnete zu jedem Splitter das Innenleben dazu. Es sind 600 Blätter und 600 Splitter, jedes Blatt ist einzeln gezeichnet. Anschließend habe ich dieses Werk wieder zusammengesetzt und damit quasi die Portraits der beiden Männer „reinkarniert“ und es damit wieder­hergestellt. Dieses Portrait habe ich in 16 Teile zerleget, dann daraus Reliefs in Ton modelliert und davon gieße ich Formen ab. Der Bearbeitungsprozess ist damit aber noch nicht abgeschlossen. Ich arbeite schon zwei Jahre an diesem Projekt und voraussichtlich noch mindestens ein weiteres Jahr. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, nachdem ich die letzten Jahre mehr oder minder politische Kunst gemacht habe, Gastarbeiter, das Wanderungsspurenthema und deren Wirkung auf die Gesellschaft, das sind hochpolitische Themen, da beißt die Maus keinen Faden ab. Nun widme ich mich diesem sehr persönlichen Projekt, dem Väter Projekt. Ich wende das Innere nach außen. Der Frage, wie wichtig ist für mich Blutsverwandtschaft, die Erziehung, das Preußentum, das Künstlertum, wie gehört das alles für mich zusammen? Das Nachdenken über mich selbst wird durch die Kunst erst möglich gemacht. Dem eigenen Gedanken eine äußere Form zu geben um durch die Form erst weiter denken zu können. Es gibt ja Dinge die ich mir jetzt noch gar nicht vorstellen kann. Die langwierige Beschäftigung mit Formen ist durchsetzt mit Erinnerungen und Nachdenken."


Ist für Sie eher der Prozess oder das Ergebnis wichtig?
"Das ist eine gute Frage! Der Prozess! Es ist fast wie bei Kindern. Die interessieren sich beim Malen nicht so sehr für das Ergebnis. Zack machen, Farbe drauf, zack nächstes Blatt, und dann ist es auch schon wieder vergessen. Ähnlich ist es bei mir, ich freue mich natürlich über das Entstandene, ich schaue zurück, ich erinnere die Arbeiten die in den Jahrzehnten entstanden sind, aber tatsächlich sind sie „Nebenprodukte“. Das Nachdenken ist die Hauptsache. Es ist wie beim Wandern, es ist nicht so wichtig von A nach B zu kommen. Man könnte sagen „Der Weg ist das Ziel“."


In Ihrem Blog liest man immer mal wieder den Begriff Gravitationsschwünge, was hat es damit auf sich?
"Das bezieht sich auf die oben erwähnten Splitter. Die Zersplitterung der Portraits durch die Schwünge, war in gewisser Weise ein gewaltsamer Akt. Die zersplitterten Portraits setze ich wieder zusammen, es sind auch die Schwünge die ich bei dieser Arbeit beim Zeichnen einsetze. Ganz wichtig sind mir 04 MG 1392die Tagebücher die ich führe und die sich derzeit sehr um diese Schwünge drehen. Ich graviere mit einer Holznadel ins Papier, zeichne Linien zwischen den Kreuzungspunkten und löse damit die Schwünge wieder auf. Indem ich die Form verwische, ergeben sich immer neue Konfigurationen. Es gibt immer das Zusammenspiel zwischen den Themen in meinen Tagebüchern und den Auswirkungen auf meine Projekte. Der Stellenwert der Kunst ist für mich nachrangig zu dem Stellenwert der Beschäftigung mit meinem Leben. Ich beschäftige mich mit Kunst, über die Kunst mit meinem Leben. Daher sind das Medium und die Kunst ein wenig nachgeordnet."


Eine letzte Frage: „Worauf liegt Ihr Hauptfokus, malen oder modellieren?“
"Zeichnen, und alles was sich daran andocken lässt."

 

Wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch.

 

 

Interview & Texterstellung: LuP/huh
Fotos: huh

 

 

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