Betonmodele TeaserFür die einen sind sie hässliche Betonmonster, die abgerissen werden sollten. Für die anderen erhaltungswürdige Kunstobjekte, die den Weg der modernen Architektur dokumentieren. Die Gebäude des „Brutalismus“ wurden schon immer kontrovers diskutiert.



Model 20Im Deutschen Architekturmuseum ist noch bis zum 2. April 2018 eine Ausstellung mit dem Titel „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster“ geöffnet. Trotz der naheliegenden und vom Wortstamm verwandter Bedeutung der Begriffe „Brutalität“ und „Brutalismus“, hat der hier gemeinte Architekturstil aber nichts mit Gewalttätigkeit und Verrohung zu tun. Mit dem Rohen aber schon. Der Begriff des Brutalismus geht nämlich auf das Französische „beton brut“ zurück, das wörtlich „rohen Beton“ bezeichnet – in der Fachsprache Sichtbeton genannt. Dieser Architekturstil aus den 50. bis 70. Jahren wurde vielfach kritisiert und schon seit seiner Entstehung sehr kontrovers diskutiert. Es mehrten sich die Stimmen nach dem Abriss der in die Jahre gekommenen Objekte. In jüngster Zeit allerdings erfuhr die eigenwillige Architektur jedoch positivere Bewertungen.

 

Model 18Es ist kein Zufall, dass das Aufkommen dieser Architektur gerade in die Nachkriegszeit fällt, in eine Zeit also, die durch die Jahre des Wirtschaftswunders und des Ausbaus des modernen Wohlfahrtstaates geprägt ist. Mit ihren monumentalen Stützen und Pfeilern ist sie gleichsam der geronnene Ausdruck für die Verlässlichkeit und Stabilität dieser Ära und für das Vertrauen der Gesellschaft in den Sozialstaat. Neben dieser symbolischen Dimension zeichnet sich diese Architektur durch eine eigenwillige und oftmals schockierende Ästhetik aus. Zu ihren Hauptprinzipien gehört eine offene Zurschaustellung der Konstruktion, eine klare Formensprache und eine Wertschätzung der verwendeten Mater- ialien. Neben Beton finden auch Backsteine, Metall und andere Materialien Anwendung. Die Besonderheit ist die Oberflächenbehandlung, die der Beton erfährt. Es wird auf die Sichtbarmachung der Abdrücke der Verschalungselemente Wert gelegt. Kanthölzer und Seile werden gelegentlich gezielt einbetoniert und die dadurch entstehenden Rillen dann per Hand abgeschlagen, so dass eine raue Oberfläche entsteht, die das Haptische und Plastische in den Vordergrund stellt. Diese Materialeffekte stellen gleichsam eine Rückkehr zum Archaischen dar und eine bewusste Abkehr von der Glätte der auf dünnen Pfeilern schwebenden, fast aseptischen Betonkästen des Bauhauses.

 

Bank of GeorgiaAm Anfang der Ausstellung werden kleine Betonmodelle präsentiert, die die klare geometrische Strukturierung der Entwürfe hervorheben. Über jedem Modell hängt ein dazugehöriges Foto, das die Umsetzung der Pläne in der Wirklichkeit der fertiggestellten Gebäude darstellt. In der Mitte der Ausstellungshalle werden mehrere raumgreifende Modelle aus Wellpappe ausgestellt, die die Konstruktionsprinzipien offenbaren und das komplexe Zusammenspiel der zugrundeliegenden und ineinandergreifenden geometrischen Formen verdeutlichen. An freistehenden Schauwänden werden nach Erdteilen gruppierte Beispiele für die Umsetzung der brutalistischen Prinzipien dokumentiert. Es fällt auf, dass gerade im asiatischen Raum die Formensprache der traditionellen Architektur mit ihren geschwungenen Linien aufgegriffen wurde.

 

Eine Besonderheit stellt ein Teil der Ausstellung dar, der unter Mitwirkung vieler Menschen entstanden ist und somit zeigt, auf welches große Interesse sie bei dem Publikum gestoßen ist. Er besteht aus zugeschickten Postkarten aus aller Welt, die Beispiele für den Brutalismus zeigen.

 

Model 14Obwohl die monumentale Formensprache dieser Architektur oft grob und übermächtig wirkte, was in der jüngeren Vergangenheit zu der Forderung nach der Beseitigung der „Betonmonster“ führte, ist erst in letzter Zeit eine Debatte um die Erhaltung der Objekte entbrannt. In Frankfurt ist es freilich für die jüngst abgerissenen Gebäude – AfE-Universitätsturm, das ehemalige Historische Museum und das Technische Rathaus – bereits zu spät. Eine kontroverse Kampagne für die Rettung der brutalistischen Architektur, die das Motto für diese interessante Ausstellung lieferte, geht aber weltweit weiter z.B. durch die Suche nach einem neuen Zweck für die betroffenen Gebäude. Sie wird uns auch weiterhin beschäftigen.

 

 

DEUTSCHES ARCHITEKTURMUSEUM
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main
Telefon: 069 21238844

 

 

Öffnungszeiten:

Montag Geschlossen
Dienstag 11:00–18:00
Mittwoch: 11:00–20:00
Donnerstag: 11:00–18:00
Freitag 11:00–18:00
Samstag 11:00–18:00
Sonntag 11:00–18:00

 

 

Text: pis
Fotos: huh

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